Cyberkriminalität: Die Jagd auf Avalanche

Und dann, Punkt 20 Uhr, poppt auf seinem Handy eine Nachricht auf: „AVALANCHE IS DOWN!“

Sie haben es wirklich geschafft.

Für diesen Moment hat Frank Lange die vergangenen vier Jahre gearbeitet, dafür ist er durch halb Europa gereist, hat sich hinabbegeben in die dunkelsten Winkel der Cyberwelt, hat die letzten Nächte kaum geschlafen. Seit morgens um vier harrt er jetzt tief im Innern der Europol-Zentrale in Den Haag aus, umgeben von Spezialisten aus aller Welt. Den ganzen Tag hat er auf die Bildschirme an der Decke gestarrt und über den Chat auf seinem Handy das verfolgt, was der deutsche Innenminister später als „einmalig“ bezeichnen wird. Zugriff in der Ukraine, in Litauen, Moldawien, Deutschland, fünf Männer verhaftet. Computerserver auf allen Kontinenten der Erde: abgeschaltet. 830.000 Internetseiten: umgeleitet oder gesperrt. Totaler Takedown.

Frank Lange macht sich an diesem Abend des 30. November 2016 ein Dosenbier auf. Er ist stolz. Auf den größten Schlag gegen die organisierte Cyberkriminalität, den es je gab. Strafverfolger aus 41 Nationen haben ein geheimes Netzwerk zerstört, in das mehr als eine Million Computer eingebunden waren, ohne dass deren Besitzer es wussten. Und über das Kriminelle sich Zugriff auf Bankkonten verschafften und mehrere Hundert Millionen Euro erbeuteten. Das Ende von „Avalanche“, dem größten und technisch meisterlichsten Räubernetz, das Ermittler je zu Gesicht bekamen, ist gleichzeitig das Ende einer beispiellosen Jagd. Und der oberste Jäger ist:

Frank Lange, 45, eckige Brille, freundliches Lachen, Oberstaatsanwalt in Verden an der Aller. 2012 hatte die niedersächsische Landesregierung in dem kleinen Städtchen eine ihrer drei Zentralstellen für Cyberkriminalität angesiedelt. Nur in Hessen gab es eine vergleichbare Einheit. Ein Computer-Nerd ist Lange nicht, schon gar kein Hacker. Er ist Experte für organisierte Kriminalität. Im Cyberspace betritt er juristisches Neuland, persönlich und überhaupt. „Wir haben uns vieles selbst beibringen müssen“, sagt er, „wir machen hier jeden Tag etwas, was niemand vor uns versucht hat.“

12-Milliardenschäden: Immer mehr Cyber-Angriffe weltweit-4841884742001

Die Spur des Geldes und die Spur der Daten

Einer ihrer ersten Fälle wird der sogenannte Windowsverschlüsselungstrojaner. Und ohne dass Lange es ahnt, beginnt damit der Fall seines Lebens. Der Trojaner ist ein kleines Programm, das sich unbemerkt auf dem Computer normaler Nutzer einnistet, wenn die den Anhang einer verseuchten E-Mail öffnen. Auf dem Bildschirm erscheint dann eine Warnmeldung mit Zahlungsaufforderung. Der Trojaner verschlüsselt Dateien auf der Festplatte der Opfer – und gibt sie erst nach Zahlung eines Lösegelds von 50 bis 100 Euro wieder frei. Wie bei einer Geiselnahme. Es ist eine perfide und zugleich raffinierte Software. Zehntausende Deutsche sind betroffen. Staatsanwalt Lange und die Polizisten von der Zentralen Kriminalinspektion Lüneburg, die all die Jahre mit ihm ermitteln werden, wollen die Täter dahinter erwischen. „Nur konnte kein Mensch einem sagen, wie das geht.“

Anders als bei normalen Verbrechen fehlt den Fahndern im Cyberspace fast alles: Sie haben keine Fingerabdrücke, keine DNA-Spuren, keine Zeugen. Die Täter müssen nicht mal am Tatort sein, sie können Tausende Kilometer entfernt in einem Internetcafé die Computer ihrer Opfer ausspähen, deren Passwörter stehlen oder deren Bankkonten leerräumen. Es bleiben nur zwei Ansätze: die Spur des Geldes und die Spur der Daten.

Folgen die Fahnder dem erpressten Geld, verlieren sie sich oft in einem Geflecht aus Strohmännern, Briefkastenfirmen und anonymen Western-Union-Überweisungen. „Wir wollten aber die großen Fische“, sagt Lange – sie folgen den Daten. Es wird mühsam, das wissen sie, der Weg erfordert sehr viel Geduld, Einsatz und technisches Wissen. Am 1. Juni 2012 beginnt das Verfahren offiziell, Aktenzeichen: 802 UJs 19056/12. Der deutsche Staat gegen unbekannt.

Die Jäger stoßen auf das größte illegale Computernetz aller Zeiten

Die Spezialisten der Polizei legen los. Sie stoßen auf Server, von denen aus der Trojaner auf die Opferrechner gespielt wurde. Zig dieser Steuercomputer sind gleichzeitig in Betrieb, alle ein bis zwei Wochen wechseln sie. Meist kommen die Ermittler zu spät und müssen von vorn beginnen. Außerdem vermuten sie auf höheren Ebenen weitere Server. Sie haben es mit einem Botnetz zu tun.

Botnetze sind Computer, die ohne Wissen der Nutzer mit Schadprogrammen infiziert und miteinander vernetzt sind und von außen gesteuert werden – wie eine Armee von Zombies, die den Befehlen einer unsichtbaren Macht folgen. In Deutschland sind Millionen PCs Teil solcher Zombiearmeen, sie gelten als größte Bedrohung der Digitalisierung. Frank Lange beschleichen Zweifel. Das deutsche Strafrecht stammt weitgehend aus dem 19. Jahrhundert. Wie sollen sie das nur schaffen?

Avalanche 2

Sommer 2013, ein Büroklotz im Süden Bonns. In der Kantine des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) treffen die Ermittler einen Mann, den man als einen von Deutschlands führenden Cyberkriegern bezeichnen kann, auch wenn er selbst über diesen Begriff lächelt, er sehe ja nicht wie ein Indianer aus, was stimmt.

Hans Schäfer*(*Name geändert) , graues Haar, Brille, am Arm eine Smartwatch. Das karierte Hemd hat er in die dunkle Jeans gestopft. Schäfer hat Informatik studiert, hat einst für IBM das Internet in Deutschland mit aufgebaut. Vieles, was die Hacker programmieren, könnte er selbst auch. Schäfer hat sich aber für die gute Seite entschieden, Referat CK15: Er will die Menschen vor denen beschützen, die das Internet missbrauchen.

Inzwischen aber hat er resigniert. Wenn irgendwo ein Botnetz zerstört wird, taucht es nach wenigen Tagen wieder auf. „Die Täter brauchten keine Angst zu haben“, sagt er, „die konnten ihre Geschäfte bald weiterführen.“ Als er in jenem Sommer Frank Lange und die Lüneburger Polizisten trifft, sieht er eine Chance, es endlich richtig zu machen. Erstmals gehen Cyberkrieger und Strafverfolger wirklich gemeinsam auf die Jagd. Fortan besprechen sie sich jeden Montag um 10 Uhr in einem abhörsicheren Videosystem. Auf Schäfers Schreibtisch steht nun neben der Kaffeemaschine eine Kamera, Frank Lange und die Polizisten erscheinen in kleinen Kacheln auf seinem Laptop.

In Wellen gewaltig wie eine Lawine, auf Englisch: Avalanche

Schäfer und sein Kollege programmieren Analysewerkzeuge, um die Strukturen des Botnetzes zu verstehen. Wie werden Daten übertragen? Woher kommen Befehle? Sie wollen den Code des Bösen entschlüsseln. Sie entdecken immer mehr Schadprogramme, die auf dem gleichen Weg auf die Opferrechner gekommen sind wie der Trojaner. Sie werden stutzig. Was verbirgt sich da noch? Sie finden Keylogger, mit denen sich Tastaturbewegungen und damit Passwörter aufzeichnen lassen. Weitere Verschlüsselungstrojaner, um Lösegeld zu erpressen. Banking-Trojaner, um Onlinekonten auszurauben. Wir haben es mit etwas Größerem zu tun, sagt Schäfer in einer Videokonferenz. Sie jagen Avalanche.

Hackerangriffe 2017_11.20Schon 2009 bemerkten Virenexperten, dass über ein unbekanntes Botnetz zig Millionen verseuchte EMails verschickt worden waren. In Wellen gewaltig wie eine Lawine, auf Englisch: Avalanche. Man vermutete dahinter eine Bande. Genaueres wusste niemand.

Die Deutschen folgen der Datenspur. Sie hangeln sich in der Netzwerk-Hierarchie immer weiter hoch. Sie stöhnen: Für jeden Server, den sie überwachen wollen, brauchen sie eine richterliche Genehmigung. Das kann zwei, drei Monate dauern, bis dahin fließen die Daten längst über andere Wege – und die Spur ist tot. Die Kriminellen mieten Server vor allem im Ausland, dort ist die Ermittlung noch mühsamer. Die Amerikaner lachen nur, wenn sie Post von einem deutschen Richter erhalten! Es ist wie ein Kampf gegen eine elektronische Hydra.

Bis tief in die Nächte arbeitet Lange in seinem Eckbüro, Raum 153. Auf dem Schreibtisch türmen sich die Akten, an die Wand hat er einen Plan gehängt: Man sieht darauf die Flaggen der Server-Standorte, Niederlande, USA, Ukraine. Später finden sie auch welche in Kolumbien und Belize; Lange muss in einem Atlas nachschauen, wo das überhaupt liegt. In den Jahren 2013 und 2014 reisen er und seine Kollegen in beinahe jedes EU-Land, überall stellen sie Rechtshilfeersuchen. Ihr Ziel ist es, sich heimlich in Avalanche einzuklinken, wie bei einer Telefonüberwachung. Sie wollen live mitlesen, was passiert. Um die Datenmassen zu ordnen, werden sie von nun an von vier Spezialisten eines Fraunhofer-Instituts unterstützt. „Das war ein Knackpunkt der Ermittlungen“, sagt Lange.

Avalanche 3

Die Jäger beobachten Avalanche wie ein Lebewesen. Wie es sich verändert, wie es wächst. Hans Schäfer vom BSI ist beeindruckt. Schon die Server auf der zweiten Ebene sind perfekt verschlüsselt. Er weiß, dahinter stecken Menschen, die anderen schaden wollen. Und doch beginnt er, ihr technisches Geschick zu bewundern. Die können was! Auf der Welt gibt es vielleicht zwei Dutzend Programmierer, die die Fähigkeit haben, so etwas Komplexes zu erschaffen. Das Ganze ist jetzt auch eine intellektuelle Herausforderung, ein Spiel.

Über Avalanche werden Raubzüge in aller Welt verübt

Immer wieder analysieren die Jäger den Code des Bösen, immer wieder programmieren sie neue Suchwerkzeuge, immer wieder infizieren sie Testcomputer mit Schadsoftware, wie Versuchstiere in einem Labor. Sie entdecken, dass bei Avalanche permanent die Namen und IP-Adressen der Server wechseln, alle 300 Sekunden werden sie zum Teil völlig neu generiert. Eine sehr anspruchsvolle Tarnung, „Double Fast Flux“ genannt. Monatelang rätseln sie auch, woher die Steuercomputer wissen, welche Befehle sie weiterleiten sollen, obwohl sich niemand einloggt. Zufällig stoßen sie auf ein paar verräterische Zeilen: Die Server holen sich ihre Befehle automatisch. Avalanche ist so gebaut, dass wenige Administratoren die komplette Struktur steuern können.

Zu den Tätern kann Schäfer den Strafverfolgern in Verden nur Indizien liefern. Er findet Timecodes. Die Täter kommen aus unserer Zeitzone, meldet er. Außerdem aktivieren sich bestimmte Schadprogramme nicht bei russischen Tastaturen. Das könnte ein Hinweis sein, dass die Täter in Russland sitzen, sie wollen dort nicht auffallen.

01: Deutsche CybercrimeErmittler zerschlagen riesiges weltweites SuperBotnetz – b54bdc6812960b7cInzwischen ist auch das Bundesinnenministerium über die Jagd informiert, das Bundeskriminalamt, Verfassungsschutz, Nachrichtendienste. Was, wenn hinter Avalanche kein Verbrecher, sondern ein ausländischer Geheimdienst steht? Wenn die Hydra eine Cyberwaffe ist oder ein Spionageinstrument?

Im Frühjahr 2014 stoßen die Jäger in den Tiefen von Avalanche auf eine Datenbank mit gestohlenen E-Mail-Adressen und Passwörtern für 18 Millionen Konten. Einer der größten Funde bis dahin. Offenbar zielen die Angriffe nicht nur auf Opfer in Deutschland, wie die Ermittler lange vermutet hatten. Über Avalanche werden Raubzüge in aller Welt veranstaltet. Mal gegen deutsche Sparkassen-Kunden, mal gegen Bankkunden in Italien oder Japan, in 180 Ländern insgesamt. Da sind Leute unterwegs, die verkaufen die Struktur als Dienstleistung, sagt Schäfer. Frank Lange braucht ein wenig, bis er begreift.

„Crime as a service“ nennen Fachleute solche Angebote. In geheimen Chatforen werben die Täter um andere Kriminelle als Kunden, die dann selbst Kasse machen. Mal bietet ein „User41“, mal ein „Firestarter“ die Avalanche-Struktur in russischen Hackerforen an. Man muss sich das so vorstellen: Da vermietet jemand für ein paar Tausend Dollar 10.000 Zombierechner für einen gezielten Angriff auf deutsche Bankkunden, samt Support und Updates. Wer kein eigenes Schadprogramm besitzt, kann auch das mitmieten. Es ist ein leicht zu bedienendes Baukastensystem für Onlineraubzüge, fertig von der Stange. Avalanche funktioniere „wie ein Unternehmen“, stellen die Jäger erstaunt fest, höchst professionell.

Neben dem Computernetz entdecken die Jäger ein zweites Netz in der realen Welt, sie nennen es „Avalanche 2“. Es besteht aus Menschen, die das erbeutete Geld weiterleiten: die „money mules“, Geldesel.

Die werden über Legenden angeworben, über Zeitungsinserate oder Jobportale. In einem Fall wurden Leute gesucht, die in Heimarbeit Bücher digitalisieren. Dafür sollten sie in einem speziellen Webshop einen sehr teuren Scanner bestellen – das Geld würde ihnen passend vorgeschossen. Dass es zuvor in genau der Höhe von einem Onlinekonto geklaut worden war, wussten die Leute nicht. Sie überwiesen es weiter, ohne einen Drucker zu bekommen. Und schon waren ein paar Tausend Euro auf der nächsten Ebene, von wo andere Geldesel es weiterleiteten.

Auch das FBI schaltet sich ein

„Es ist kaum vorstellbar, wie viele Menschen sich dafür zur Verfügung stellen“, sagt Lange. Die Jäger finden Zehntausende Namen. Sie sind schockiert. So viele? Das Weiterleiten des Geldes galt bislang unter Strafverfolgern als Engpass bei Onlineverbrechen. Jetzt erkennt Lange: Nein, die Menschen sind kein Problem.

Und die Hintermänner? Die Jäger suchen. Sie stoßen auf ein paar Namen von geklauten Kreditkarten. Sie entdecken Tarnnamen wie „flux“ oder „ffhost“. Aber sie stecken fest. Frank Lange ist verzweifelt. Die Jagd hat schon jetzt ein Vermögen gekostet, mit einem Personalaufwand wie sonst nur bei der Terrorismusbekämpfung. Die Politik stellt Fragen.

Lange steht unter Druck. Ist die Hydra doch unbesiegbar? Das will er nicht hinnehmen. „Ein Aufgeben hätte doch einen Freifahrtschein bedeutet. Wenn es jemand konnte, dann wir! Weil wir jetzt so viel über die Struktur wussten. Das konnten wir nicht einfach wegwerfen!“

Fritzbox 13.08Da taucht ein neuer Player auf, es ist wie im Kino: das FBI. Auch in den USA hatte es Avalanche-Opfer gegeben, seit Anfang 2015 ermitteln die Amerikaner. Sie können es kaum glauben, als sie erfahren, was diese Typen aus der deutschen Provinz schon zusammengetragen haben. Eine Serverüberwachung ist in den USA die absolute Ausnahme. Frank Lange kann sagen: Wir haben über 1300 Taten ausrecherchiert, fertig für eine Anklage. Die Amerikaner können ihm dafür bei der Tätersuche helfen. Sie müssen ihr Wissen bloß zusammenbringen. Wie bei einem Puzzle. Jeden Freitagnachmittag konferieren die deutschen nun mit den amerikanischen Strafverfolgern.

Sie kombinieren Tarnnamen und Mailadressen aus Hackerforen. Sie werten soziale Netzwerke aus, überprüfen Postadressen. Klassische Ermittlerarbeit. „So werden Tarnnamen zu Fleisch und Blut“, sagt Lange. Durch Zufall zapfen sie bei einem der Verdächtigen die Kamera in dessen Büro an – und sehen zu, wie er vor dem Rechner sitzt. Insgesamt 16 Verdächtige machen sie aus, darunter Russen, Aserbaidschaner, ein Ukrainer, der bei Berlin lebt. Vor allem aber zwei Administratoren.

Der eine: Gennady Kapkanov, alias „flux“, 33 Jahre alt, Russe aus dem ostukrainischen Poltawa. Ein Programmierer mit kurzen Haaren und dunklen Augen, der eine Zeit in Großbritannien lebte. Die Ermittler sehen in ihm das technische Superhirn hinter Avalanche.

Der andere: Anton Timochin, alias „flux2“, 32, ukrainischer Programmierer. Er wohnt mit Frau und Kind in Kiew, Stadtteil Trojeschina. Er soll die Geldesel steuern.

Wer wem dabei Befehle gibt, ist unklar. Die Männer scheinen eher Komplizen als Bande mit einem Boss an der Spitze. Möglicherweise verbergen sich hinter ihnen noch weitere Leute, vielleicht die Mafia oder irgendwelche Oligarchen. Niemand kassiert in der Ukraine einfach so riesige Summen, ohne dass andere mitkassieren wollen. Die Jäger wissen aber: Wenn wir die Administratoren ausschalten, geht Avalanche kaputt, dann fehlt das technische Wissen. Anfang 2016 ist Frank Lange sich erstmals sicher, dass sie es schaffen können. Vorausgesetzt, in den nächsten Monaten geht nichts schief.

Avalanche 4

Die Europol-Zentrale in Den Haag ist ein moderner Hochsicherheitsbau. Um im Innern die Türen zu öffnen, werden die Handflächen gescannt. Frank Lange staunt. Bei ihm in Verden sitzt ein Wachmann an der Pforte. Seinen neuen, allmächtigen Zugangspass fotografiert er mit dem Handy, als Andenken. In dieser Festung planen sie den Showdown. Hans Schäfer reist aus Bonn an, dazu Fahnder aus den USA, Taiwan, der Ukraine, Litauen und anderen Staaten. Abends fachsimpeln sie in der Kneipe beim Bier, eine verschworene Truppe. Lange nennt sie: die guten Menschen des Internet.

In einer weltweiten Kommandoaktion wollen sie an Tag X erst die Täter verhaften, dann alle Steuerserver ausschalten, insgesamt über 200 auf allen Kontinenten – und das möglichst gleichzeitig. Schon das ist hochkomplex. Das Schwierigste aber wird Teil drei ihres Plans: Sie wollen das komplette Netzwerk für immer stilllegen – und dafür müssen sie alle Opferrechner von der Schadsoftware befreien. Wie viele das sind und wo sie stehen, ob in Firmenbüros oder in Kinderzimmern? Weiß niemand. Klar ist nur: Werden die Computer nicht bereinigt, schlummern die Zombies nur. Dann hätten die Jäger zwar deren Mutterschiff zerstört, aber sobald jemand ein neues Schiff platziert, könnten die Zombies wieder aktiv werden – alles wäre umsonst gewesen.

„AVALANCHE IS DOWN! Greetings to all of you.“

Das ist der entscheidende Auftritt der Cyberkrieger. Schäfer und seine Kollegen bauen eine Falle, ein Sinkhole. Ein eigener Server soll den Zombies vorgaukeln, er sei das Mutterschiff. Nehmen sie automatisch Kontakt auf, können die Jäger ihren Standort erkennen – und die Besitzer informieren. Und die wiederum können dann ihre Computer säubern. Das Problem ist nur: Schäfer muss die einprogrammierten Zieladressen, die zum Teil erst in der Zukunft generiert werden, sperren und umleiten. Das sind: 830.000!

Virenjaeger 10.08Eine Falle in dieser Dimension hat es nie zuvor gegeben. Vergessen die Jäger nur eine der Zieladressen, lassen sie nur ein einziges Schlupfloch, könnte Avalanche später wieder aufleben. Weltweit müssen sie darum über 40 Firmen, die Internetadressen verwalten, zur Kooperation verpflichten. Manchmal gelingt das per Rechtshilfe, manchmal nach ein paar Gläsern Whiskey. Die Zahl derer, die von der Jagd wissen, steigt von Woche zu Woche. Die Anspannung ebenfalls.

Dann der große Tag, 30. November 2016. Frank Lange kommt morgens um vier in die Europol-Zentrale. Polizeiteams in Kiew, in Chisinau, in Vilnius und bei Berlin stehen bereit. Überallhin hat Lange deutsche Staatsanwälte gesandt, als Aufpasser. Nur in Poltawa sind US-Fahnder vor Ort. Sie alle sind per Chat mit der Zentrale verbunden, Langes Handy vibriert bei jeder Nachricht.

Zugriff! In Kiew hämmern Polizisten am frühen Morgen an die Wohnungstür von Anton Timochin und nehmen ihn fest. Nicht ganz so glatt läuft es in Poltawa. Dort stürmt eine Spezialeinheit in den vierten Stock eines Wohnhauses, Schüsse fallen. Gennady Kapkanov flieht auf einen Balkon. Sie haben ihn! In der Wohnung findet die Polizei eine Kalaschnikow, eine Pistole, mehrere Pässe und 70.000 Dollar in bar.

Ab mittags beginnen sie, die Server abzuschalten, die letzten laufen am Abend in Bangladesch. Zwei Bildschirme zeigen ihnen außerdem, wie ihre Falle zuschnappt. Balkenflimmern rot, gelb, dann blau – alles unter Kontrolle. Nachricht im Handy: „AVALANCHE IS DOWN! Greetings to all of you.“ Jubel.

Doch vom Superhirn fehlt jede Spur

Innenminister Thomas de Maizière spricht später von einer „Kampfansage an die internationale Kriminalität im Cyberraum“. Von einer Aktion „ohne Beispiel“ schwärmt das US-Justizministerium. „Wir haben gezeigt, dass der Staat sich wehren kann und dass das Internet kein rechtsfreier Raum ist“, sagt Arne Schönbohm, der Präsident des BSI. Nicht nur die Bösen könnten moderne Technik einsetzen, auch der Staat. „Avalanche war ein singulärer Fall, aber er wird nicht der letzte gewesen sein. The empire strikes back!“

Katastrophal ist nur, dass im fernen Poltawa eine Provinzrichterin den als Superhirn verdächtigten Kapkanov freilässt. Vermutlich fließt Geld. Kapkanov taucht unter, bis heute fehlt jede Spur von ihm.

Frank Lange ist enttäuscht. Dafür haben sie gearbeitet? Vier Jahre und – puff – einfach weg? Er hofft jetzt, dass zumindest die anderen verurteilt werden, auch wenn sie nicht nach Deutschland ausgeliefert werden. Klar, er hätte seine Täter gern selbst angeklagt. Wenn das nun die Kollegen in der Ukraine und in Aserbaidschan hinkriegen, auch gut. „Wir können die Täter nicht davonkommen lassen“, sagt er.

Ärgert er sich, den Männern, die er so lange gejagt hat, nie persönlich gegenüberzusitzen? Natürlich sei er neugierig, sagt er. Aber es sei gar nicht so sehr die Jagd auf die Unsichtbaren, die ihn fasziniert habe. Viel spannender war, diese Hydra greifbar zu machen und zu vernichten. „Eine solche Struktur wurde ja noch nie zerstört. Wir müssen die Pest des Internets bekämpfen. Und das nächste Mal werden wir schneller sein.“

Mobile World Congress: Nokia setzt auf alte Stärken – aber reicht das für ein Comeback?

Bevor Apple mit dem iPhone die Smartphone-Ära einleuchtete, hatte der Handy-Markt mit Nokia einen unangefochtenen König. Am Smartphone scheiterten die Finnen aber kläglich, nicht zuletzt, weil man sich an Microsoft band und auf das erfolglose Windows Mobile setzte. Jetzt gibt es neue Android-Smartphones von Nokia.

Um sich der harten Konkurrenz auf dem Smartphone-Markt zu stellen, setzt Nokia ganz auf seine alte Stärke: Gute Qualität, unabhängig von der Preisklasse. Man solle stolz auf sein Nokia-Smartphone sein, egal was es gekostet habe, erklärte man entsprechend bei der Präsentation. Alle Geräte haben ein ähnliches, schlichtes Design, alle haben ein Unibody-Gehäuse aus Aluminium – selbst das Einsteiger-Modell für nur 139 Euro. Nokia war bei der Präsentation sichtlich stolz auf das Design, wirklich herausstechend fanden wir es allerdings keines der neuen Modelle. Die drei Geräte Nokia 3, Nokia 5 und Nokia 6 unterscheiden sich vor allem in kleineren Details und in der verbauten Technik.

+++ Hier finden Sie alle Gerüchte zum iPhone 8 +++Huawei P10 vorgestellt

Pures Android, aber kein Spitzenmodell

Auch bei der Software bekommen alle exakt die gleichen Features: Nokia verspricht pures Android, sogar Googles künstliche Intelligenz Assistant ist an Bord. Die war bis vor kurzem noch Googles Pixel-Smartphones vorbehalten. Toll: Nokia verspricht, alle Smartphones mit monatlichen Android-Updates sicher zu halten. Das bleibt sonst meist nur den Highend-Modellen vorbehalten.

Eine gelungene Strategie, könnte man nun meinen. Wenn da nur nicht dieser gar nicht so kleine Haken wäre: Denn selbst das „teuerste“ Modell Nokia 6 ist mit einem Preis von 229 Euro der unteren Mittelklasse zuzuordnen und setzt auf veraltete Technik. Der lahme Prozessor wurde 2015 vorgestellt. Während Nokia früher an der Spitze die Innovation vorantrieb, aber in allen Preisklassen aufgestellt war, konzentriert man sich nun auf den Billigmarkt. Der ist heute allerdings deutlich umkämpfter – und vor allem kaum profitabel.

Selbst China setzt mittlerweile auf Premium

Günstige Smartphones aus China haben längst Qualitätsstandards erreicht, die locker mit etablierten Marken mithalten können, bei niedrigerem Preis. Einstige Billig-Marken wie Huawei setzen mittlerweile auf dem Premium-Sektor um Geld zu verdienen. In nahezu allen anderen Markt-Segmenten machen die Hersteller wegen des hohen Konkurrenz-Drucks eher Verluste. Auch bei Nokia hatten heute viele Beobachter deshalb ein Highend-Smartphone erwartet.LG G6 Vorstellung 13.30

Stattdessen gab es am Ende ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten: Das Nokia 3310 ist nun als Neuauflage erschienen. Warum man sich heutzutage noch ein Handy kaufen sollte, weiß aber wohl nicht mal Nokia so genau. Als wichtigste Features listet man neben einem Monat Akkulaufzeit auch schon die vier erhältlichen Farben – und den Spiele-Klassiker Snake. Erst letzten Monat hatte Nokia mit dem Nokia 150 einen neuen Knochen auf den Markt gebracht, der im Vergleich zu Smartphones bei uns aber nicht besonders gut abschnitt.

Nokias größtes Kapital ist sicher der Name, der bei vielen immer noch nostalgische Erinnerungen hervorruft. Das Versprechen eines immer aktuellen Androids könnte für manche auch ein Kaufargument sein. In China, wo das Nokia 6 bereits seit zwei Monaten im Handel ist, scheint man mit den Verkaufszahlen zufrieden zu sein. Ob es so aber noch einmal für den Thron reicht, steht auf einem anderen Blatt. Vielleicht ist Nokias Hammer-Smartphone ja schon in Planung.

Mobile World Congress: Huawei P10 vorgestellt: Das Porträt-Smartphone

Mit dem P9-Smartphone gelang Huawei im vergangenen Jahr ein großer Wurf. Es war das erste erhältliche Smartphone mit einer Dual-Kamera, die gemeinsam mit dem deutschen Traditionsbetrieb Leica entwickelt wurde. Damit kamen die Chinesen selbst Apple zuvor. Das Motto der P9-Kampagne lautete „Change the way you see the world“ („Verändere die Art, wie du die Welt siehst“).

Auf dem Mobile World Congress in Barcelona hat Huawei-Chef Richard Yu nun den Nachfolger P10 (5,1 Zoll) und die größere Variante P10 Plus (5,5 Zoll) vorgestellt. Mit den beiden neuen Smartphones rückt Huawei den Fokus weg von der Technik hin zum Nutzer, dementsprechend lautet der Slogan nun „Change the way the world sees you“. Nun geht es also darum, wie einen die Welt sieht. Damit ist klar: Beim P10 steht die Kamera im Mittelpunkt, genauer der überarbeitete Porträtmodus.

+++ Hier finden Sie alle Gerüchte zum Samsung Galaxy S8 +++

Mehr Licht dank Leica-Linsen

Bei der Kamera setzt Huawei auf das gleiche Setup wie beim Mate 9: Die Dualkamera auf der Rückseite hat einen Schwarz-Weiß-Hauptsensor (20 Megapixel), dem ein 12-Megapixel-Farbsensor zur Seite steht. Diese Aufteilung ermöglicht mehr Details und einen hybriden Zoom, bei dem trotz Vergrößerung des Bildausschnitts nahezu alle Details erhalten bleiben. Mit einem echten optischen Zoom ist das aber nicht vergleichbar.

Für bessere Bilder werden die neuen Linsen sorgen, die von Leica entwickelt, aber nicht gebaut wurden. Das wäre aufgrund der hohen Stückzahlen auch nicht möglich. Allein im letzten Jahr wurden die P9-Geräte knapp zehn Millionen Mal verkauft, was 20 Millionen verbauten Linsen entspricht. Beim P9 setzte man noch auf Summarit-Linsen (f/2.2-Blende), beim P10 Plus wechselt man auf Summilux-Linsen (f/1.8-Blende), die deutlich mehr Licht durchlassen. Das verspricht vor allem bei schummrigem Licht bessere Bilder.Huawei P10 2

Huawei P10 Plus: Das Porträt-Handy

Profitieren soll davon der neue „Artistic Portrait“-Modus. Damit ist es möglich, Porträts zu knipsen, während der Hintergrund unscharf wird. Apple bietet beim iPhone 7 Plus einen ähnlichen Modus. Huawei zeigt sich aber kampflustig und behauptet, das P10 schieße in derselben Situation deutlich bessere Bilder als das Handy der Kalifornier. Ob das stimmt, wird ein Test zeigen.

Für die Porträts (fixe Blende mit f/2.2) setzt Huawei auf jede Menge Technik: Zunächst startet die Kamera eine „Precise 3D Facial Detection“, eine Art Gesichtserkennung. Dabei werden 190 verschiedene Messpunkte in Echtzeit ermittelt. Sobald der Prozessor weiß, wie das Gesicht aussieht, können Schattenwürfe genauer berechnet werden, was den Bildern „mehr Dramatik“ verleihen soll. Das zeigt: Es geht längst nicht mehr nur um eine kristallklare Abbildung der Realität, sondern um kunstvolle Bilder. Der Fokus liegt auf der Inszenierung für soziale Netzwerke.

Zwei weitere Neuerungen: Der Bokeh-Effekt (unscharfer Hintergrund) funktioniert nun auch mit Schwarz-Weiß-Porträts und der Selfie-Modus erkennt, wenn mehrere Menschen vor der Frontkamera stehen und zoomt dann automatisch heraus. Letzteres funktionierte in einem Test ab drei Personen. Apropros Frontkamera: Auch hier hat Leica seine Finger im Spiel. Die Selfie-Cam knipst mit 8 Megapixel und hat eine f/1.9-Blende.Huawei P9 Test 6:49

Schönheits-Doc in der App

Mit an Bord sind auch wieder die zahlreichen Verschönerungs-Modi, die in den vorherigen Generationen für einige unfreiwillige Lacher sorgten. Für die neue Software im P10 und P10 Plus habe man sich mit internationalen Makeup-Artists zusammengesetzt. In einem ersten Test zeigte sich die Verschönerungs-Software erstaunlich komplex, vom Bräunungsgrad bis zur Größe der Augen konnte alles verändert werden. Allerdings war die Software noch nicht final, weshalb wir ein abschließendes Fazit erst mit dem finalen Testgerät fällen wollen.

Gemeinsam mit GoPro entwickelte Huawei einen „Re-Discover Memories“-Modus, der basierend auf Fotos, Uhrzeiten und Videos ein Bestof baut, das man direkt in sozialen Netzwerken teilen kann. Solch ein Feature bieten andere Hersteller schon seit Jahren.iPhone 8 Ticker (NICHT ÄNDERN)_13.27

Der Fingerscanner kommt nach vorne

Auch bei den Geräten an sich hat sich einiges veränderte. Auffälligste Neuerung: Der markante Fingerabdruckscanner auf der Rückseite wandert nach vorne. Unter dem Display gibt es nun eine Art Vertiefung mit eingebautem Fingerscanner. Das kennt man von anderen Herstellern (Apple, Samsung). Gerüchten zufolge setzen sowohl Samsung als auch Apple bei ihren zukünftigen Spitzen-Smartphones auf Displays, welche die ganze Frontseite bedecken, die Scanner sollen dann ganz im Display verschwinden.

Die Rückseite ist nun etwas runder, wodurch Huawei mehr Platz für den Akku gewonnen hat. Der fasst beim kleinen P10 3200 mAh, das große P10 Plus hat 3750 mAh. Beides sind ziemlich gute Werte. Um sich vom Aluminium-Einheitsbrei der Konkurrenz abzuheben, setzt Huawei bei einigen Modellen auf ein neues Fertigungsverfahren – den sogenannten Hyper-Diamond-Cut. Dabei werden Millionen winziger Mini-Lasercuts in die Oberfläche eingearbeitet. Dieses Verfahren dauert zehnmal länger als der herkömmliche Fertigungs-Prozess.Smartphones 2017 neu erfinden 19.00

Die Krux mit der Rubbel-Rückseite

Aus praktischer Sicht gefällt diese Neuerung, denn die Rückseite ist dadurch griffiger, das Smartphone rutscht nicht mehr so leicht aus der Hand. Optisch gefällt uns die Rückseite wiederum gar nicht, sie erinnert ein wenig an die 3D-Hologramm-Bildchen, die in vielen Kinderzimmern herumliegen. Zudem hört man unangenehme Quietschgeräusche, wenn man mit den Fingern über die Rückseite streift. Wem die Diamond-Cut-Varianten nicht gefallen, der kann auch zu matten Modellen (etwa in Schwarz oder Silber) greifen.

Ansonsten steckt im P10 viel Technik, die man bereits aus dem Mate 9 kennt. Der Achtkern-Prozessor (Typ Kirin 960) hat jede Menge Rechenpower, der Akku ist dank SuperCharge-Technik flink aufgeladen. Das P10 hat übrigens einen USB-C-Stecker.

Das Große in Grün

Das P10 hat ein 5,1-Zoll-Bildschirm mit Full-HD-Auflösung (1920 x 1080 Pixel), 4 Gigabyte RAM und 64 GB Speicher. Es kostet 599 Euro und ist in den Farben Schwarz, Silber, Gold und Blau erhältlich.

Das P10 Plus hat einen 5,5-Zoll-Screen mit WQHD-Auflösung (2560 x 1440 Pixel), 6 Gigabyte Ram und 128 Gigabyte Speicher. Zudem hat es ein paar exklusive Features: Neben den lichtdurchlässigeren Summilux-Linsen hat die Front-Kamera einen Autofokus (beim P10 nur Fixfokus). Stereo-Lautsprecher gibt es ebenfalls nur im großen Modell. Das P10-Plus gibt es außerdem exklusiv in der Trendfarbe des Jahres „Greenery“, einem hellen Lindgrün. Der Preis liegt bei 749 Euro.

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Mobile World Congress: LG G6 vorgestellt: So sieht die Zukunft des Smartphones aus

Im Bezug auf Display-Innovationen kann es in den letzten Jahren kaum einer mit LG aufnehmen. Ob transparent oder aufrollbar, LG hat alles im Programm. Und das bei hervorragender Bildqualität. Beim neuen Smartphone LG G6 setzt LG ebenfalls auf Display-Innovation – und schafft den Bildschirm-Rand nahezu ab. Damit ziehen die Koreaner der Konkurrenz von Apple und Samsung davon. Aber reicht das?

Ein Bild wie beim Highend-TV

Für sein neues „Fullvision“ getauftes Riesendisplay setzt LG auf ein ungewöhnliches Format: Statt auf ein Seitenverhältnis von 16:9 kommt das 5,7-Zoll-Display des G6 auf 18:9. Zusammen mit dem eingedampften Rand kann so die Größe des Displays drastisch wachsen, während das Gehäuse verhältnismäßig klein bleibt. Glaubt man der Gerüchteküche, will Apple beim iPhone 8 und Samsung beim Galaxy S8 denselben Weg gehen. 

Bei der Bildqualität will LG Maßstäbe setzen. Das Display des G6 bietet mit Dolby Vision und HDR 10 Technologien, die bisher nur in Fernsehern eingesetzt wurden, und liefert laut Hersteller so eine deutlich höhere Farbpalette, stärkerer Detaildarstellung und hellere Ausleuchtung. Die Auflösung ist mit 2880 x 1440 Bildpunkten zwar kein Rekord, nach wie vor aber deutlich überdurchschnittlich. Wie gut es wirklich aussieht, prüfen wir, wenn wir das Gerät in der Redaktion haben.iPhone 8 1000 Euro Knopflos_14.20

Fort- und Rückschritte

Beim Design folgt LG dem aktuellen Trend zur Glasrückseite: Wie die meisten kommenden Premium-Smartphone kombiniert das G6 einen Metallrahmen mit einer leicht gewölbten Glasrückseite. LG verspricht, dass es trotzdem sehr robust sein soll, Staub- und Wasserdicht nach IP68 ist es ebenfalls. Zur Wahl stehen die drei Farben Silbergrau, Weiß und Schwarz. 

Letztes Jahr war das LG G5 das erste Premium-Smartphone mit Doppelkamera. Auch der Nachfolger hat natürlich eine Doppelknipse. Die dient vor allem dazu, Bilder mit deutlich größerem Winkel aufzunehmen, ganze 125 Grad verspricht LG. Bei der Frontkamera sind auch ohne Doppelkamera 100 Grad möglich. Damit man auch etwas von der besseren Bildqualität des Displays hat, hat LG der Kamera ebenfalls HDR 10 und den damit verbundenen höheren Farbraum spendiert. Außerdem kann man wie beim iPhone 7 Plus optisch zoomen. Wie gut die Bilder und Videos des LG G6 tatsächlich ausfallen, kann aber erst ein Test zeigen, beim G5 (hier bei uns im Test) waren wir von dem Effekt etwas enttäuscht.LG G5 Kamera

An anderer Stelle ist LG bei der Innovation aber wieder ein gutes Stück zurückgerudert. Beim LG G5 konnte man mit Zusatzmodulen über den „Magic Slot“ einen besseren Sound oder eine komplexere Kamera-Steuerung nachrüsten. Das sprach zwar Tech-Fans an, normale Kunden aber nicht. Die Auswahl blieb mäßig, die Verkäufe wohl auch. Das hat klare Folgen: Beim G6 wurde der Slot gestrichen, auch der austauschbare Akku fällt dadurch weg. Schade.Google pixel Test 18.03

Google an Bord

Bei der Software verlässt sich LG ganz auf Googles Android, kann sich aber trotzdem von der Konkurrenz absetzen. Als eines der ersten Smartphones von Drittanbietern darf LG Googles KI-Assistenten „Google Assistant“ einsetzen. Der war bisher Googles eigenen Pixel-Smartphones vorbehalten. In unserem Test konnte er zwar noch nicht begeistern, Google verspricht aber, dass er ständig dazulernen soll. Wie nützlich er auf dem LG ist, beurteilen wir, wenn wir es ausprobieren dürfen.

Mit dem G6 hat LG durchaus ein spannendes Smartphone vorgestellt, wenn es auch deutlich weniger Alleinstellungsmerkmale hat als sein Vorgänger. Der war allerdings auch trotz der vielen Neuerungen kein Hit. Ob das G6 tatsächlich davon profitiert, als erstes die Displayränder zu streichen, muss sich zeigen. Im Test wie an den Verkaufszahlen. Ob es noch vor dem für April erwarteten Galaxy S8 erscheint ist ohnehin noch nicht sicher: Wann das Gerät erscheint und was es kosten wird, hat LG noch nicht verraten.Paste für Smartphones 19.40

Investition in Forschung: Die fünf faszinierendsten Wissenschaftsprojekte der nächsten Jahre

Die Wissenschaft der Zukunft ist verblüffend – in einigen Jahren will sich der Mensch die unvorstellbare Kraft, die Sonnen ihre Energie gibt, zunutze machen können und für Stromerzeugung verwenden. Auch könnten wir die ersten Galaxien nach dem Urknall beobachten. Oder vielleicht sogar auf weiteres Leben in entfernten Planetensystemen stoßen. Wir stellen die fünf aufwändigsten und teuersten Projekte der Wissenschaft vor, die das möglich machen sollen.

1. Kernfusionsreaktor IterITER 2

Kosten: 20 Milliarden Euro

Der „International Thermonuclear Experimental Reactor“ (Iter) ist ein geplanter Kernfusionsreaktor und der Nachfolger des „Joint European Torus“ (Jet). Sein Ziel ist es, Strom aus Fusionsenergie zu erzeugen. Die Idee der Wissenschaft dahinter: Diese Energiequelle wäre praktisch unerschöpflich, hätte kein Risiko von Kettenreaktionen und es gäbe keine langlebigen radioaktiven Abfälle, die endgelagert werden müssten. Bei der Kernfusion verschmelzen zwei Atomkerne zu einem neuen Kern. Diese Reaktion findet ständig in Sonnen und Sternen statt und ist deren Energiequelle.

Wenn alle Versuche erfolgreich verlaufen, könnte ab dem letzten Viertel des 21. Jahrhunderts schon großräumig Energie aus Kernfusion gespeist werden. Die Forschung konzentriert sich bis dahin vor allem auf Plasmaheizung, -diagnostik und -kontrolle. Iter soll der größte Fusionsreaktor der Welt werden und zehn Mal mehr Plasma aufnehmen können als alle bisherigen Fusionsreaktoren.

Die Anlage ist seit 2007 beim südfranzösischen Kernforschungszentrum Cadarache im Bau. Sie ist ein gemeinsames Projekt mehrerer Staaten. Unter anderem dabei: die europäische Atomgemeinschaft, Japan, Russland, China, Südkorea, Indien und die USA. Iter soll laut der offiziellen Website 2025 erstmals Wasserstoffplasma erzeugen.

2. Satellitennavigationssystem Galileo

Galileo 2

Kosten: 12 Milliarden Euro

Das globale Navigationssatellitensystem (GNSS) „Galileo“ ist ein europäisches Projekt zur weltweiten Positionsbestimmung. Es ähnelt dem US-amerikanischen GPS, dem GLONASS von Russland und dem Beidou von China. Galileo ist das erste System dieser Art, das unter ziviler Kontrolle stehen wird. Damit wird es eine unabhängige Alternative zum militärisch kontrollierten GPS bieten.

Galileo soll aber laut der offiziellen Website der Europäischen Weltraumorganisation (Esa) nicht gegen, sondern mit GPS arbeiten und mit diesem kompatibel sein. Dadurch werde das System eine „Genauigkeit im Meterbereich [haben], was bisher noch kein öffentlich zugängliches System angeboten hat.“

Der Sitz der Agentur für Galileo befindet sich in Prag. Ende 2016 waren bereits 18 der geplanten 30 Satelliten im All. 2018 sollen die letzten Satelliten in ihre Umlaufbahn geschossen werden. Das Projekt wird von der EU getragen, es wird aber auch von vielen Staaten außerhalb der Union unterstützt.

3. James Webb-Weltraumteleskop

James Webb Telescope

Kosten: 8,7 Milliarden Dollar (8,26 Mrd. Euro)

Das James Webb Space Telescope (JWST) ist der Nachfolger des Hubble-Teleskops. Während das Hubble-Teleskop auf sichtbares Licht optimiert ist, arbeitet sein Nachfolger mit Nahinfrarot und kann damit wesentlich tiefer ins All sowie durch Staubwolken hindurch sehen. Es ist somit wesentlich leistungsfähiger als sein Vorgänger, der 1990 ins All geschossen wurde.

Das JWST wird momentan in einer Kooperation der Nasa, der europäischen Weltraumorganisation (Esa) und der Canadian Space Agency (CSA) gebaut. Das Teleskop soll laut der offiziellen Website der Nasa die ersten Galaxien und Sternen suchen, die nach dem Urknall entstanden sind. Es soll deren Entwicklung bis heute beobachten und diverse Planetensysteme danach untersuchen, ob dort Leben möglich sein könnte.

Das Teleskop wiegt etwa 6,2 Tonnen und sein Hauptspiegel (auf dem Bild die goldenen Platten) hat einen Durchmesser von 6,5 Metern. Ursprünglich sollte es schon 2014 gestartet werden und „nur“ 3,3 Milliarden Euro kosten. Nun soll es im Oktober 2018 in Französisch-Guayana mit einer Ariane 5-Rakete gestartet werden.

4. Radioteleskop Square Kilometre Array

Square Kilometre Array

Kosten: 1,5 Milliarden Euro

Das Square Kilometre Array (SKA) ist ein gigantisches Radioteleskop, das aus abertausend kleinen Radioantennen verschiedenen Typs besteht. Alle Antennen sind miteinander verbunden. Das Zentrum des SKA wird alle eingehenden Signale der Antennen verarbeiten und kombinieren. Durch die riesige Gesamtempfangsfläche von rund einem Quadratkilometer wird es das Weltall tausendfach schneller absuchen können als bisher und extrem hochauflösende Weltraumbilder liefern.

Die Radioantennen werden der offiziellen Website des SKA zufolge bis zu mehreren tausend Kilometern von einem Zentrum entfernt aufgestellt werden und besetzen dann riesige Landflächen in Südafrika, Australien und Neuseeland.

Um diese unglaublichen Datenmengen kombinieren und verarbeiten zu können, wird ein Supercomputer leistungsfähiger als alle bisherigen Computer benötigt werden, sowie Langstrecken-Netzwerke mit einer Kapazität, die den heutigen weltweiten Internetverkehr übertrifft.

Man hofft, mit dem SKA Antworten auf fundamentale Fragen über den Ursprung und die Entwicklung des Universums zu finden. 2019 soll das Radioteleskop die ersten Daten erhalten und 2023 komplett fertig sein. Es wird in einer Zusammenarbeit von 10 Ländern gebaut.

5. Teilchenbeschleuniger Fair

Fair

Kosten: 1,5 Milliarden Euro

Die „Facility for Anitiproton and Ion Research“ (deutsch: „Anlage für die Forschung mit Antiprotonen und Ionen“) ist ein Teilchenbeschleuniger in Deutschland, der zurzeit in Darmstadt gebaut wird. Mit ihm sollen „neue Erkenntnisse über den Aufbau der Materie und die Entwicklung des Universums vom Urknall bis heute“ erhalten werden, heißt es auf der offiziellen Website des GSI über das Fair-Projekt.

Das Projekt ist eine Kooperation zwischen Deutschland und europäischen sowie außereuropäischen Partnerländern. Der Großteil der Anlage soll 2022 fertig sein, 2025 soll sie komplett fertiggestellt werden.

Das Herzstück von Fair ist ein 1100 Meter langer, kreisförmiger Beschleuniger. Das kommt allerdings nicht an den fast 27 Kilometer langen unterirdischen Ringtunnel des Large Hadron Collider in der Forschungseinrichtung Cern heran. Dieser ist der derzeit leistungsstärkste Teilchenbeschleuniger der Welt und hat bis heute schon 10 Milliarden Euro gekostet.

Rekordhalter: Die internationale Raumstation

ISS

Die International Space Station (ISS) ist das mit Abstand teuerste Wissenschaftsprojekt, das es jemals gegeben hat. Seit die ersten Module ins Weltall flogen, sind bis heute etwa 100 bis 150 Milliarden Euro in die ISS geflossen. Die Raumstation ist das größte von Menschen gebaute Objekt im Erdorbit und hat seit 2000 eine dauerhafte Besatzung.

In die Liste wurde sie nicht einbezogen, da sie nicht ein geplantes Projekt für die Zukunft ist, sondern ein seit Jahren fortlaufendes Projekt.

Wie der Haarschnitt im Weltrau… Astronauten-Alltag (2021244)