Messenger: Ein Mann verzichtet ein Jahr auf Whatsapp – das lernte er über seine Freunde

Whatsapp ist der populärste Messenger der Welt. Mittlerweile hat der Dienst mehr als 1,5 Milliarden Nutzer, die 60 Milliarden Nachrichten hin- und herschicken – und zwar jeden Tag. Freundinnen planen in Whatsapp-Gruppen den Junggesellinnenabschied, Eltern die nächste Schulfeier, Kumpel die Party am Wochenende. Längst ist die App zur Schnittstelle unserer Kommunikation geworden. Wie sehr sie unseren Alltag umgekrempelt hat, zeigt sich erst dann, wenn man dem Messenger bewusst den Rücken kehrt. So wie Knut Traisbach. Er hat ein Jahr auf Whatsapp verzichtet und seine Erfahrungen im britischen „Guardian“ geteilt.

Ein großer Whatsapp-Freund war Traisbach nie. Er installierte die App das erste Mal 2012, und das auch nur, weil alle Freunde dort angemeldet waren. Ende 2016 begann ihn die App zu nerven, weil sie ihm ständig mitteilte, dass sie in wenigen Wochen auf Windows Phone, dem Betriebssystem seines Nokia-Smartphones, nicht mehr funktionieren würde. Der Vorsatz fürs neue Jahr war dementsprechend schnell gefasst: Traisbach wollte ein Jahr auf Whatsapp verzichten. Mit ein paar Klicks klinkte er sich aus Dutzenden Chats und Gruppen aus.Verlorenes Gefühl Langeweile 7.10

Weniger Kontakte, mehr Telefonate

Während seine Freunde die ersten Minuten des noch jungen Jahres damit verbrachten, auf ihrem Smartphone herumzutippen und Whatsapp-Nachrichten zu verschicken, blieb sein Telefon ungewohnt still. „Es fühlte sich merkwürdig und unangenehm an, aber auch kühn und gut“, schreibt er.

Traisbach verabschiedete sich nicht vollends aus der Messenger-Welt, er war nach wie vor auf Threema und Signal. „Meine App-Stinenz hatte einen vielversprechenden Start“, schreibt er. Gute Freunde antworteten ihm mit Textnachrichten oder riefen ihn telefonisch zurück. Überhaupt hatte er durch seinen radikalen Schritt wieder ausführliche Gespräche am Telefon. Doch nicht alle Bekannten meldeten sich bei anderen Diensten an, statt 70 Kontakten hatte er nur noch 11.Verschickte WhatsApp-Nachrichten löschen

+++ Lesen Sie hier: Facebook legt von jeden von uns ein „Schattenprofil“ an –  und das verrät mehr über uns, als wir denken +++

„Anfangs fühlte ich mich oft isoliert, als hätte ich meine Freunde verlassen.“ Einige seiner ehemaligen Bekanntschaften verlor er aus den Augen, und es sei schwierig gewesen, „den merkwürdigen Blicken, den Zweifeln und dem Missbehagen“ standzuhalten, wenn er erzählte, dass er kein Whatsapp nutzte. Längst scheint die App der kleinste gemeinsame Nenner unserer Kultur zu sein.

Die Angst, etwas zu verpassen

Das Gefühl, nicht mehr Teil einer Gruppe zu sein, ständig etwas verpassen zu können, begleitete ihn auch noch nach einigen Wochen. Er musste seine Frau fragen, was es Neues in der Schule gibt, die wiederum immer häufiger gereizt reagierte, wenn sie rund 100 Nachrichten in Eltern-Chats durchscrollen musste. Auch wenn er sich mit Freunden traf, musste er sich zunächst auf den neuesten Stand bringen lassen.Netflix 11.00

Gleichzeitig hatte Traisbach das Gefühl, weniger oft zu seinem Smartphone zu greifen. Er scrollte nicht mehr durch die Kontaktlisten, um sich neue Profilbilder anzuschauen. Stattdessen begann er wieder, mehr zu lesen.

Datenschutz? Mir egal.

Einige Bekannte unterstützten Traisbach sogar, betonten aber selbst, dass sie solch einen radikalen Schritt nicht gehen könnten. Im Privatleben oder auf Arbeit gebe es keine adäquate Alternative zu Facebook, hieß es oft.

Vor fast vier Jahren wurde Whatsapp von Facebook für 19 Milliarden US-Dollar gekauft. Doch warum zahlt Facebook so viel Geld für einen Dienst, der seine Nachrichten verschlüsselt und keine Werbung schaltet? Die Firmen argumentieren, dass sie unser Leben besser machen, schreibt Traisbach, doch nur selten wird darüber gesprochen, „was sie unserem Leben eigentlich wegnehmen“. Schon allein die Liste unserer Kontakte und unsere Nutzungsgewohnheiten sind offenbar wertvoll genug. „Die Firmen erschaffen mit unseren Daten persönliche Profile, die zeigen, wer wir sind – und nicht, wer wir sein wollen.“

Wenn er diese Themen im Freundeskreis ansprach, erntete er meist nur ein Schulterzucken. „Ich habe nichts zu verbergen“, war meist die genervte Antwort. Sein Fazit: „Im vergangenen Jahr habe ich realisiert, wie wenig wir wissen und wie sehr uns das egal ist.“ Solange der Dienst angenehm zu nutzen ist, scheint niemand genau wissen zu wollen, wie er eigentlich funktioniert – und welchen Preis wir dafür wirklich bezahlen.

Tinder 800 Seiten 21.50

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

dreizehn − 9 =