Blieb ein Nischenprodukt: Allo, goodbye: Google stellt Chat-App ein

Google stellt seine Chat-App Allo nach gut zwei Jahren wieder ein. Die Internet-Konzern hatte darauf gesetzt, dass Allo mit smarten Funktionen wie automatischen Antwort-Vorschlägen Facebooks dominierenden Konkurrenz-Diensten WhatsApp und Messenger Paroli bieten kann.

Doch Allo blieb ein Nischenangebot. Bereits im Frühjahr hatte Google die Entwicklung pausiert und jetzt soll im April kommenden Jahres ganz Schluss sein. Funktionen wie die Antwort-Vorschläge und Unterstützung auf PCs wurden in den SMS-Ersatz Messages integriert, den Google jetzt auf Android-Geräte bringt.

Bei dem Konzern wuchs über die Jahre eine nahezu chaotische Vielfalt nicht miteinander verbundener Kommunikations-Apps an. Zusammen mit Allo stellte Google auch die Videochat-App Duo vor – die jetzt bestehen bleibt, wie der Konzern in der Nacht zum Donnerstag betonte. Schon zuvor gab es die Hangouts-Videochats. Sie werden jetzt vorrangig auf Unternehmenskunden ausgerichtet und neue Funktionen sollen private Nutzer mit Verzögerung erreichen.

WhatsApp und Facebook Messenger sind plattformübergreifend sowohl auf Google Android-System als auch auf Apples iPhones verfügbar und haben jeweils mehr als 1,5 Milliarden Nutzer. Apple ist auf seinen Geräten stark mit dem Chatdienst iMessage und den FaceTime-Videochats, in China dominieren einheimische Apps we WeChat.

Druck auf Zuckerberg: London: Politiker veröffentlichen interne Facebook-Dokumente

Ein britischer Parlamentsausschuss hat interne Dokumente von Facebook veröffentlicht, die das Online-Netzwerk stärker unter Druck von Wettbewerbsaufsehern und Datenschützern bringen könnten.

Aus den Unterlagen und E-Mails geht zum Beispiel hervor, dass Gründer und Chef Mark Zuckerberg 2013 persönlich die Entscheidung absegnete, den Zugang der Video-App «Vine» zur Freunde-Suche bei Facebook zu kappen. Außerdem darin enthalten sind Gedankenspiele aus dem Jahr 2012, wie Software-Entwickler für Datenzugang mit Geld oder ihren Nutzerdaten bezahlen könnten.

Die Dokumente stammen vom App-Entwickler Six4Three, der in einen Rechtsstreit mit Facebook verwickelt ist. Facebook erklärte bereits nach einem Artikel zu den Dokumenten im «Wall Street Journal» vergangene Woche, die Unterlagen würden von Six4Three in dem Verfahren irreführend präsentiert und spiegelten nicht die ganze Realität wider. Facebook verkaufe keine Nutzerdaten, bekräftigte das Online-Netzwerk.

Six4Three bot eine App mit dem Namen «Pikinis» an, die automatisch nach öffentlich zugänglichen Fotos von Facebook-Nutzerinnen in Badeanzügen suchte. Das funktionierte nur so lange, wie Facebook Apps Zugang zu Daten von Freunden eines Nutzers gewährte. Diese Schnittstelle – die auch die Voraussetzung für den Datenskandal um Cambridge Analytica war – machte Facebook 2015 dicht.

Six4Three wollte sich damit nicht abfinden und zog vor Gericht. Im Verfahren prangerte die Firma auch an, dass es zeitweise Ausnahmen von dieser Regel für Firmen wie den Unterkünften-Vermittler AirBnB oder Netflix gab. Das geht auch aus den Unterlagen hervor.

Die Dokumente sind in dem laufenden US-Verfahren unter Verschluss. Der Digitalausschuss des britischen Parlaments bekam aber zumindest einen Teil davon in die Hände. Der Ausschussvorsitzende Damian Collins erklärte am Mittwoch, man habe keine zufriedenstellenden Antworten von Facebook erhalten und veröffentliche die Papiere deshalb jetzt. Collins versucht schon seit Monaten vergeblich, Zuckerberg für eine Anhörung nach London zu bekommen.

Film im WDR: Amazon will nicht nur unser Geld, sondern noch etwas viel Wertvolleres

In drei Wochen ist Weihnachten. Und weil immer weniger Menschen sich am Wochenende durch die vollen Einkaufsstraßen drängeln wollen, lassen sie die Geschenke für ihre Liebsten direkt nach Hause liefern. In der Regel erledigt das Amazon. Der Konzern aus Seattle ist hierzulande der Marktführer im Onlinehandel. Er bietet Millionen Produkte, die bequem mit wenigen Klicks geliefert werden – manchmal sogar noch am selben Tag.

Doch mit jeder Bestellung erhält Amazon nicht unser Geld, sondern etwas noch viel Wertvolleres: Daten. Warum der Konzern so erpicht darauf ist, möglichst viel über seine Kunden zu erfahren, zeigt der Film „Allmacht Amazon“ von Martin Herzog und Marko Rösseler, der heute Abend im WDR ausgestrahlt wird (22.10 Uhr).

„Menschen sind vorhersehbarer, als wir glauben“

„Ein Konzern, der uns besser kennt als wir uns selbst? Der Wünsche erfüllt, bevor wir sie gedacht haben? Leben wir bald in dieser schönen Amazon-Welt“, fragen die Filmemacher zu Beginn. Nur um die Antwort kurz darauf selbst zu geben: Ganz so weit sind wir noch nicht, aber wir sind auf dem besten Weg dahin. In dem Film kommen mehrere Experten zu Wort, einer der Kritiker ist Viktor Mayer-Schönberger. Er ist Professor für Internet Governance in Oxford, beschäftigt sich also damit, was die IT-Riesen mit Daten anfangen. Er meint: „In diesem Datenzeitalter ist Amazon ganz vorne.“

Der Konzern sammle alle Daten, die er kriegen könne, so der Experte. Jeder Klick verrät etwas über den Kunden: Was für ein Gerät nutzt er zum Shoppen, zu welcher Uhrzeit kauft er bevorzugt ein, welche Produkte hat er noch angesehen, welche Preise verglichen? Wir lassen all diese Verhaltensmuster von uns erfassen und auswerten, obwohl wir so etwas im echten Leben niemals zustimmen würden. Zum einen, weil wir davon gar nichts bemerken. Zum anderen, weil wir auch Vorteile daraus ziehen.

Denn aus all diesen Daten versucht Amazon herauszufinden, welche Produkte am besten zu dem Kunden passen. Wohl jeder kennt den „Menschen, die das gekauft haben, interessieren sich auch dafür“-Kasten. „Für viele Konsumenten ist das erst einmal etwas Tolles, etwas Gutes. Es ist deshalb gar nicht überraschend, dass angeblich 30 Prozent des Umsatzes nur aus den Empfehlungen heraus entstehen. Wir Menschen sind vorhersehbarer, als wir eigentlich glauben“, so Mayer-Schönberger. Maschinen würden Muster viel schneller und korrekter erkennen als Menschen. „Das erlaubt, Vorlieben zu erkennen, von denen wir selber noch gar nicht wussten, wenn wir sie haben.“

Amazon, ein Allmachts-Konzern?

Die Netzaktivistin und Autorin Katharina Nocun sieht es ebenfalls kritisch, dass die Konzerne immer tiefer in unser Privatleben vorstoßen. Amazon etwa ist längst nicht mehr nur eine Shoppingplattform. Der Konzern verkauft mittlerweile auch Versicherungen, betreibt einen Film-, Serien- und Musikstreamingdienst, Cloud-Server und liefert in einigen deutschen Städten sogar frische Lebensmittel. Amazon wächst in alle Bereiche des Lebens, und gerät so auch ins Visier der EU-Wettbewerbskommission.

„Unternehmen wie Amazon haben ein sehr großes Interesse daran, herauszufinden, wann ein neues Kind in eine Familie geboren wird, weil das ein Punkt ist, in der sich in einer Familie unglaublich viel verändert. Wer es da schafft, ein Produkt zu platzieren, hat einen neuen langfristigen Kunden gewonnen“, erklärt Nocun.

Alexa ist Vorbote eines neuen Kapitalismus

Eine gemäßigtere Positionen vertritt Andreas Weigend. Er arbeitete Anfang der 2000er selbst als Chefwissenschaftler bei Amazon, mittlerweile ist er ein gefragter Experte in Sachen Datenanalyse. Er ist unter anderem Mitglied im Digitalrat der Bundesregierung. Weigend meint, man müsse in der Zukunft nicht sparsamer mit Daten umgehen, sondern mehr für die produzierten Daten bekommen.

Ganz anders sieht es die amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff. Sie sieht vor allem in der Sprachassistentin Alexa und den dazugehörigen Echo-Geräten eine Gefahr: „Was wir mit unserer Stimme liefern, ist unbezahlbar.“ Die allgegenwärtige Alexa sei der Vorbote einer ganz neuen Art des Kapitalismus: „Wir glauben, wir sind Kunden, aber eigentlich sind wir der Rohstoff.“ Zuboff bezeichnet den Überwachungskapitalismus als „Schurkenkapitalismus“: „Er lebt davon, unser Privatleben auszusaugen, um daraus Gewinn für sich zu ziehen.“ Der Preis für diese Zukunft sei „der Verlust unserer Freiheit, unserer sozialen Bindungen, unserer Demokratie.“

Dystopische Zukunft

Der Mensch wird immer gläserner, Vielfalt schwindet, immer mehr Dienste werden von immer wenigen Unternehmen kontrolliert: Martin Herzog und Marko Rösseler zeichnen mit ihrem Film eine dystopische Zukunft. Ob sich die Welt so pessimistisch entwickelt, wie es hier zu sehen ist, wird sich zeigen. Die Autoren beschäftigen sich eher mit den Risiken und weniger mit den Chancen, welche die Technik bietet. Das ist bei aller berechtigten Kritik schade.

Einige Aspekte regen aber zum Nachdenken an: Werden Daten erst dann gefährlich, wenn sie zentral von einer Macht kontrolliert werden? Ist Privatsphäre wichtiger als Bequemlichkeit? Unterschätzen wir, wie gut das System uns eigentlich kennt?

Der Film „Allmacht Amazon“ läuft am 05. Dezember im WDR

Alexa: So will Amazon Verkäufe fördern 11.49