
Ab heute sind die Bluetooth-Kopfhörer in Geschäften erhältlich und werden bei Online-Bestellern ausgeliefert. Die ersten Reaktionen.
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News aus der digitalen Welt

Ab heute sind die Bluetooth-Kopfhörer in Geschäften erhältlich und werden bei Online-Bestellern ausgeliefert. Die ersten Reaktionen.
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Sportikonen, Musikstars, YouTube-Sternchen – bekannte Größen führen die Jahrescharts 2016 der Internet-Plattformen an.
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Weihnachtsgrüße schwirren dieser Tage millionenfach durchs Internet. Doch die E-Mails im Postfach stammen nicht immer von Freunden.
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An den jüngsten Politikeräußerungen zu Fake News im Netz (früher auch: „Falschmeldungen“ oder einfacher: „Lügen“) kann man zumindest eines sehen, nämlich wer noch was werden will in der Politik. Nachdem er gute zwei Jahre lang mit Facebook-Verantwortlichen vor allem an runden Tischen gesessen und über die Bildung von „Task Forces“ gegen braunen Müll im Netz nachgedacht hat, fordert Bundesjustizminister Heiko Maas jetzt, Staatsanwaltschaften und Gerichte sollten hart gegen Fake News in sozialen Netzwerken vorgehen. Und Noch-EU-Parlamentspräsident und Außenminister in spe bzw. SPD-Kanzlerkandidat in spe Martin Schulz setzt noch einen drauf: Er fordert – kein Fake – eine europäische Gesetzesinitiative, „wenn eine freiwillige Selbstverpflichtung der sozialen Netzwerke“ nicht ausreiche.
Woher plötzlich die schrillen Töne aus der politischen Ecke gegen Falschmeldungen im Netz? Man kann getrost davon ausgehen, dass der US-Wahlkampf mit dem mehrfach der Lüge überführten Sieger Trump auch hierzulande die Politiker aufgeschreckt hat. Schließlich steht ein Bundestagswahlkampf bevor, und die Sorge ist groß, dass gezielte Meinungsmanipulationen auch bei uns einen politischen Erdrutsch auslösen könnten. „Wir dürfen nicht zulassen“, schreibt der Netzpolitiker der Grünen, Konstantin von Notz, im „Handelsblatt“, „dass der Glauben in demokratische und rechtsstaatliche Institutionen langsam aber sicher erodiert.“Fake News Berlin_16.10
Gut gesagt, aber einstweilen scheint gegen das grassierende Fake News-Syndrom kein Kraut gewachsen. Wer auf eine freiwillige Selbstverpflichtung von Facebook und Co. hofft, der glaubt vermutlich auch noch ans Christkind. Die Internet-Giganten haben bisher schon mehr als deutlich gezeigt, wie sie sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen: Trotz Milliardengewinnen möglichst wenig Steuern zahlen und sich ansonsten den Standort mit den laschesten Datenschutzgesetzen aussuchen.
In der Debatte um rechtsradikale Hass-Posts hat sich Facebook bislang einigermaßen kryptisch verhalten. Facebook verweigerte die Löschung der Hass-Posts nämlich mit der Begründung, sie widersprächen nicht den sogenannten „Gemeinschaftsstandards“ des Konzerns. Zwar gebe es „Richtlinien, die sexuell explizite, hasserfüllte und gewalttätige Inhalte verbieten“, wie das zuständige Facebook-Team mitteilte, aber offenbar zählt man rechts-dumpfe Hass-Posts nicht dazu.
Weniger rücksichtsvoll war und ist man bei Facebook laut „Gemeinschaftsstandards“ allerdings, wenn es um nackte Tatsachen geht: „Wir entfernen Fotos von Personen, auf denen Genitalien oder vollständig entblößte Pobacken zu sehen sind“, heißt es da. „Außerdem beschränken wir Bilder mit weiblichen Brüsten, wenn darauf Brustwarzen zu sehen sind. Fotos von Frauen, die beim Stillen oder mit Vernarbungen aufgrund von Brustamputationen gezeigt werden, sind jedoch in jedem Fall erlaubt. Außerdem sind Fotos von Gemälden, Skulpturen und anderen Kunstformen erlaubt, die nackte Figuren zeigen.“Teaser (2194665-teaser225684382
Daraus folgt: Wer sein Weltbild ausschließlich aus den Plattformen der US-Internetgiganten bezieht, muss fest davon ausgehen, dass Frauen grundsätzlich mit silbernen oder goldenen Sternchen auf der Brust geboren werden.
Wenn wir die Verantwortung für den Umgang mit rechten Hass oder Fake News (was nicht immer dasselbe ist) an die Konzerne delegieren, müssen wir auch akzeptieren, dass diese uns ihre Werte und Moralvorstellungen überstülpen – oder ihre Interpretation von „wahr“ oder „falsch“.
Für diese Entscheidung würde man bei Facebook am liebsten superschlaue Software einsetzen, wie die meisten Gründer der Internetgiganten ohnehin von dem Glauben getrieben sind, die großen Probleme der Menschheit ließen sich am besten mit Technik und noch mehr Technik lösen. Intelligente Algorithmen würden dann die Wahrscheinlichkeit berechnen, nach der eine Meldung als „wahr“ oder „falsch“ eingestuft werden kann. Doch diese Themen seien „komplex“, schrieb Facebook-Gründer Mark Zuckerberg neulich, „sowohl technisch als auch philosophisch“.FakeNews_16.50
Da hat er wohl recht. Am liebsten will er wohl gar nicht eingreifen, weil Facebook die Verantwortung für die verbreiteten Inhalte nicht übernehmen möchte. Das ist die neue Internetökonomie – niemand will Verantwortung für die Folgen übernehmen. Facebook verdient Milliarden mit der Verbreitung von Inhalten, ohne diese Inhalte selbst zu produzieren, Airbnb vermittelt Unterkünfte, ohne eine einzige Unterkunft zu besitzen, und Uber ist ein Taxiunternehmen ohne Taxis, weshalb man sich nicht um die Arbeitsbedingungen der Fahrer schert.
Juristisch sind die meisten Sachverhalte allerdings meist weniger komplex. „Verdächtige, menschenverachtende und gewaltverherrlichende Posts können bei der Polizei gemeldet, teilweise sogar direkt online angezeigt werden“, darauf haben wir an dieser Stelle schon vor einiger Zeit hingewiesen, „soweit Meinungsäußerungen gewisse Straftatbestände erfüllen, können sie verfolgt und geahndet werden, und das ist in einigen Fällen ja geschehen.“
Insofern ist Minister Heiko Maas zur Abwechslung mal auf dem richtigen Weg, wenn er nach der Härte des Gesetzes verlangt. „Verleumdung und üble Nachrede sind nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt. Das muss die Justiz auch im Netz konsequent verfolgen“, so Maas am vergangenen Wochenende. Bei „übler Nachrede und Verleumdung einer Person des öffentlichen Lebens“ drohe eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren, drohte der Justizminister. Ob Staatsanwälte und Richter allerdings diese ministerielle Ermahnung brauchen, sei dahingestellt.
Und vielleicht sollten sich Internetuser bei der Frage, was wahr ist und was falsch, zuallererst auf ihren gesunden Menschenverstand verlassen. Auch wenn der zurzeit arg strapaziert wird.16-So will Facebook die Nutzer vor faktenwidrigen Artikeln schützen-5250636588001
So manches Bild wird erst richtig gut, wenn plötzlich jemand auftaucht.Wenn ein Kaltblüter seinen Sinn für Humor zeigt.Wenn sich sogar eine Kuh über den missglückten Ausbruchsversuch lustig macht.Wenn die Giraffe zeigt, dass sie nicht nur einen langen Hals hat.Wenn der Hund auch zur Familie gehört.
Wenn Romantik auf Zeitreise geht.Wenn der Typ auf der Toilette wissen will, was draußen los ist.Wenn ein historischer Handschlag nicht ins Geschichtsbuch soll.Wenn im Hintergrund jemand blankzieht.Wenn das klassische Hochzeitsbild einfach zu gestellt ist.Wenn nicht alle fröhlich sind.Wenn zwischen Arm und Ohr noch Platz ist.Wenn ALLE wild tanzen.
Der Porno-Unternehmer Fabian Thylmann ist wegen Steuerhinterziehung zu einem Jahr und vier Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Das Landgericht Aachen verhängte gegen den 38-Jährigen am Montag außerdem eine Geldauflage von 150.000 Euro. Thylmann gab in dem Prozess zu, für die Jahre 2005 bis 2010 keine Einkommens- und Gewerbesteuererklärung bei seinem zuständigen Finanzamt Aachen abgegeben zu haben. Damals betrieb er über eine Firma IT-Consulting.
Die fabelhafte Karriere des Fa… Youporn-Macher (1957023)Die Steuerschuld wurde von der Finanzbehörde zwar geschätzt und von Thylmann auch bezahlt – seine Einkünfte waren in der Realität aber zum Teil deutlich höher als die Schätzung. Die Staatsanwaltschaft führte etwa für das Jahr 2009 gewerbliche Einkünfte von rund 476.000 Euro an – das Finanzamt schätzte 110.000 Euro. Insgesamt summierte sich der Steuerschaden so auf rund 680.000 Euro. Thylmann hatte das Geld bereits vor dem Prozess nachgezahlt und auch dabei geholfen, die korrekten Beträge zu ermitteln.
Thylmann gilt als „Porno-König“, weil er einst an dem Unternehmen Manwin beteiligt war, das Seiten wie YouPorn, Pornhub oder My Dirty Hobby betrieb. Ein anderes – im Volumen weitaus größeres – Steuerverfahren gegen den Unternehmer war in diesem Jahr gegen eine Geldauflage eingestellt worden.
Pornos für Blinde Pornhub 20.05In dem Verfahren am Montag zeigte sich Thylmann reuig. „Ihm ist klar, dass die nicht erfolgte Abgabe von Steuererklärungen ein von ihm zu verantwortendes Versäumnis war, das er seinerzeit billigend in Kauf genommen hat“, erklärte sein Anwalt. Heute bedauere er das.
Thylmann habe sich damals sehr darauf konzentriert, eine Firmengruppe aufzubauen, was mit vielen Reisen, Besprechungen und mentalen Belastungen verbunden gewesen sei. Der Bezug zu den steuerlichen Pflichten am Wohnsitz – Thylmann war als Informatik-Student in Aachen gemeldet – sei „zum Teil aus dem Blickfeld geraten“, zum Teil sei er auch „verdrängt“ worden. Die fragliche Firma, über die er Consulting für Porno-Seiten betrieb, saß in Belgien, wo Thylmann zur Schule gegangen war und heute auch wieder lebt. Staatsanwaltschaft und Verteidigung verzichteten auf Rechtsmittel. Das Urteil ist rechtskräftig.
Dieser Text wurde zuerst im Wirtschaftsmagazin „Capital“ und bei stern.de im Jahr 2013 veröffentlicht.
Im Garten des größten Pornotycoons der Welt wachsen Rosen. Gloria Dei aus Frankreich, Just Joey aus England, Trosroos Maria Teresa aus Belgien; vor allem rote. Eine eigene Anlage haben sie bekommen: Geharkte Sandwege führen durch die Blumenrabatten wie durch einen kleinen Park. Die Rosen wachsen dort für seine Frau. Er selbst, sagt Fabian Thylmann, sei nicht so romantisch.
Er selbst ist ein Zahlenmensch. Nüchtern, analytisch, rational. Das hat den Computernerd aus Deutschland weit gebracht. Der heute 38-jährige Programmierer aus Aachen hat einen abseitigen, aber milliardenschweren Weltmarkt komplett umgekrempelt.
Thylmann besitzt eine Handvoll der lukrativsten Sexseiten des Internets, Youporn etwa und Pornhub, Men.com, Webcams.com. Zu seinem Reich zählen Firmen wie Brazzers, Reality Kings und Digital Playground, die zu den wertvollsten der Branche gehören. Selbst bei Playboy, der altehrwürdigen Gentleman-Marke des Erektionsentertainments, hat der Deutsche inzwischen das Sagen. Bis auf das Magazin verantwortet er dort alles: die Website, die Fernsehkanäle, den Radiosender. Wer nach Triebabfuhr sucht, hat beste Chancen, bei einem von Thylmanns Angeboten zu landen.
Obwohl in der Pornoindustrie bizarre Werdegänge keine Seltenheit sind, haftet dem raketenhaften Aufstieg Thylmanns etwas Fantastisches, fast Irreales an. Am deutlichsten wird das, wenn man ihn zu Hause besucht. Aus der kleinen Aachener Wohnung der frühen Jahre ist ein 19.000 Quadratmeter großes Grundstück in der Nähe von Brüssel geworden. Gereist wird nicht mehr im Mittelklassewagen, sondern im Privatjet.
An keinem anderen lässt sich der Strukturwandel der Branche so gut ablesen wie an Thylmann. Dem leicht fülligen Unternehmer, der mit seinem Schlabberlook und den löchrigen Socken so gar nicht pornös wirkt. Allein den Makel des Halblegalen, der die Pornoindustrie seit Jahrzehnten umgibt, konnte auch Thylmann nie wirklich abstreifen.
Am 4. Dezember nimmt ihn die belgische Polizei zu Hause fest: Verdacht auf Steuerhinterziehung. Der Haftbefehl kommt von der Kölner Staatsanwaltschaft, noch im Dezember wird er nach Deutschland ausgeliefert. Am 21. Dezember wird Thylmann gegen Kaution freigelassen. Die beläuft sich immerhin auf einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag. „Manchmal ist das alles schwer zu fassen“, sagt er noch wenige Wochen vor seiner Verhaftung, als er über seinen Aufstieg nachsinnt. Es dürfte ihm jetzt nicht leichter fallen.
Begonnen hat diese Karriere, da ist er 17 Jahre alt. Thylmann sucht im Internet das, was man in diesem Alter eben im Internet sucht. Damals, Mitte der 90er-Jahre, Amazon ist noch ein defizitäres Start-up, Google existiert noch nicht, ist das Angebot im Web überschaubar. Pornografische Inhalte sind weitgehend hinter Bezahlschranken weggesperrt. Frei verfügbare Sexvideos, die länger sind als ein paar Sekunden, gibt es kaum.
Wem die offen zugänglichen Bildergalerien nicht reichen und wer sich ein bisschen zu helfen weiß, der findet trotzdem Wege, sich sattzusehen. In mehr oder weniger verborgenen Chatrooms treffen sich Gleichgesinnte und tauschen Dateien aus, Links und – viel wichtiger – Passwörter für Sexseiten. Thylmann hält sich oft in solchen Räumen auf, dort lernt er seine ersten Arbeitgeber kennen. „Das waren sehr junge Leute, die gerade angefangen hatten, online Sachen zu verkaufen.“ Sachen heißt Pornos. Aus den Chats wissen sie, dass Thylmann programmieren kann, so einen können sie gebrauchen. Also fragen sie ihn, ob er für sie arbeiten will. Er sagt Ja. Es schmeichelt ihm, dass seine Fähigkeiten geschätzt werden.
Der Mutter gefällt natürlich nicht, was er da macht. Schweinkram bleibt Schweinkram, auch wenn der Sohn damit Geld verdient. „Ich programmiere doch nur“, beruhigt er sie. „Mit den Inhalten habe ich nichts zu tun.“ Schließlich gibt sie sich damit zufrieden.
Die Schule langweilt ihn, außer in Mathe und Physik bringt er schlechte Noten nach Hause. Bei Lehrern wie Schülern eckt er mit seiner direkten Art an. „Fabian hatte nie viele Freunde“, sagt eine Mitschülerin, die einst neben ihm saß. Beide gehen in Brüssel auf die Internationale Deutsche Schule, ihre Eltern sind Expats. Jahre später trifft sie den Eigenbrötler aus der Informatik-AG durch Zufall wieder, inzwischen ist sie seine Frau.
„Meinen ersten PC hatte ich mit 14“, sagt Thylmann, einen 286er mit 6-MB-Festplatte, das weiß er noch genau. Mit 15 kann er die beiden Programmiersprachen Pascal und Basic. Leute, die ihn damals kennengelernt haben, beschreiben ihn als scheu und verschlossen. „Thylmann hockte vor dem Rechner und sagte selten mehr als Hallo, wenn man vorbeikam“, erinnert sich einer.
„Ich bin ein Geek“, sagt Thylmann selbst. Für sein Verständnis vom Geschäft ist das fundamental. In erster Linie ist es für ihn eines von binären Zahlen, keines von nackten Schenkeln.
Thylmann hätte sich keinen besseren Zeitpunkt aussuchen können für seine ersten Gehversuche. In dem Maße, in dem das Internet sich als Massenmedium durchsetzt, steigt auch die Nachfrage nach pornografischen Inhalten – und entsprechend das Angebot. Nach den 70ern, dem „Golden Age of Porn“, beginnt für die Branche eine zweite Boomphase, beinahe täglich poppen neue Websites auf.
Die Inhalte kommen noch vorwiegend aus der Offlinewelt. Magazine werden eingescannt und grobpixelig hochgeladen, aber vor allem der Siegeszug der DVD tut sein Übriges: 1995 werden in den USA knapp 6000 Hardcore-Titel veröffentlicht. Zehn Jahre später sind es mehr als 130.000. Und alles, was nackt ist, kommt irgendwie, irgendwann ins Netz. Das Internet bietet eine willkommene Möglichkeit der Zweitverwertung, eine, die den Erwerb und den Konsum von Pornos rausholt aus schmierigen Sexläden und Videotheken.
Um die Bezahlwebsites herum entsteht eine neue ökonomische Nische: die der sogenannten Affiliates. Das sind Websitebetreiber, die Surfer auf kostenpflichtige Seiten ziehen sollen. Dafür bekommen die Lockvögel von ihren Geschäftspartnern kostenlose Bildergalerien gestellt. Klickt nun ein Surfer auf die Bilder, wird er weitergeleitet zum Bezahlangebot. Spätestens wenn er dort Geld lässt, erhält der Affiliate eine Provision.
Für Leute mit HTML-Kenntnissen ein kleiner Goldrausch. Ende der 90er-Jahre gibt es rund 5000 Affiliates, jeder von ihnen besitzt im Schnitt zwei bis drei Websites, die Hunderte und Aberhunderte Galerien verlinken. Thylmann macht sein erstes Vermögen.
Denn um zu wissen, wer wie viel User wohin verlinkt hat, muss der Traffic gemessen werden. Und da kommt Thylmann ins Spiel. Statistiktools für ein paar Websites sind der Anfang, es folgt Porntrack, eine Zählsoftware, die er an etliche Anbieter verkauft. Thylmann macht Monatsumsätze von 60.000 bis 70.000 D-Mark, da ist er noch keine 20.
Seine Ambitionen als Student halten sich indes in Grenzen. Er schreibt sich für Wirtschaftsinformatik ein, aber wenn er von seinem Studium spricht, setzt er das Wort mit Fingern in Anführungszeichen. Ein Seminarschein ist alles, was dabei herauskommt.
Er programmiert lieber. Auf Porntrack folgt Sextracker. Zusammen mit einem Partner macht er ein Büro in Phoenix, Arizona, auf, in Amerika lockt das ganz große Geld. Doch Thylmann verkracht sich mit seinem Partner, „der war ein Arschloch“. Das wird bei ihm zum Muster. 2000 schmeißt er hin.
Er arbeitet wieder allein, „alles Mögliche“, das Geld hat er größtenteils verprasst oder fehlinvestiert. „Man fällt auch auf die Schnauze“, sagt er dazu. Drei Jahre später ist das alles wieder vergessen.
Thylmann hat mit zwei neuen Partnern eine neue Firma gegründet, Too Much Media. Zusammen schreiben sie ein Programm, mit dem sich das Geschäft zwischen Anbieter und Affiliate verwalten lässt, einfach und transparent für beide Seiten – ein Novum.
Die Software erobert die Branche im Sturm, sie wird zum Industriestandard. Die teuerste Version kostet 5000 Dollar im Monat. Thylmann wird wieder reich. Und wieder wirft er hin: „weil mich meine Partner angenervt haben“. 2006 lässt er sich auszahlen und schließt sich mit Tobias Huch zusammen.
Der Erotikunternehmer und Jungliberale aus Mainz ist ein notorischer Querkopf, der für das „Grundrecht auf Pornos“ auch schon mal vors Bundesverfassungsgericht zieht. Ein Jahr nach der Gründung ist die gemeinsame Firma pleite. „Er war sauer auf mich“, sagt Thylmann, „ich war sauer auf ihn, und er hat mich verklagt.“ Dreimal zivilrechtlich, einmal strafrechtlich. Wegen Betrug und Insolvenzverschleppung. Zwei „richtig anstrengende“ Jahre lang ziehen sich die Prozesse, bevor sich beide außergerichtlich einigen. „Thylmann hat’s nicht hingekriegt“, sagt Huch heute.
Als nächstes Projekt kauft sich Thylmann eine deutsche Bezahlseite „für einen kleinen Millionenbetrag“. Auf Privatamateure.com werden Homevideos angeboten oder solche, die danach aussehen. Und wieder liegt der Unternehmer goldrichtig. Billige, mit einfachsten Mitteln produzierte Filme entwickeln sich zu einem Megatrend. Pornoamateure filmen sich vor Webcams und chatten mit den Usern – ein Innovationssprung, auf den die Hochglanzindustrie lange keine Antwort hat.
Thylmann erweitert Privatamateure.com um eine Webcam-Sektion – binnen einem Jahr hat er den Kaufpreis wieder raus. Es folgt Mydirtyhobby.com, eine zweite Amateurwebsite, auch sie wird ein Erfolg. Dann nimmt er sich vor, in den USA einzusteigen. Es ist 2008, und er kommt auf einen Markt, der in einer tiefen Sinnkrise steckt.
Denn nicht nur die Amateurvideos setzen dem etablierten Business zu. Das viel größere Problem ist die Flut kostenloser Pornofilme, die das Internet überrollt.
Nach dem Vorbild von Youtube gehen Hunderte Websites mit Sexvideos online. Viele zeigen lizenzierte Filme, altes Material, das die Betreiber von Produktionsfirmen eingekauft haben. Weil aber jeder anonym Dateien hochladen kann, findet sich dort auch massenhaft gestohlenes Material von Paysites und DVDs.
Die Studios sind gegen die Entwicklung weitgehend machtlos. Die Inhaber der sogenannten Tubesites oder kurz Tubes sind zumeist unbekannt. Wird doch einmal eine Seite durch Gerichtsbeschluss abgeschaltet, macht am nächsten Tag eine neue auf – mit denselben Raubkopien. Lange war „Free Porn“ ein leeres Versprechen, mit dem User geködert wurden. Die Tubes lösen es ein.
Die DVD-Verkäufe brechen ein, Studios gehen pleite, Paysites verlieren Kunden. Auf den Messen, eigentlich schrille Selbstinszenierungen des Pornokarnevals, trifft sich eine verunsicherte, ratlose Branche. Noch auf der Adult Expo 2012 in Las Vegas sagt Michael Klein, Chef des „Hustler“-Konzerns Larry Flint Publications: „Wir haben nicht einmal annähernd ein Geschäftsmodell.“
Aber das stimmt nur für die Offliner. Denn während die lamentieren, tritt die nächste Generation von Pornounternehmern auf den Plan: Onliner wie Thylmann. Wieder einmal kommt er gerade rechtzeitig.
Weil ihnen nichts anderes übrig bleibt, arrangieren sich die ersten Produzenten zähneknirschend mit den Tubesites und schalten dort Werbung für ihre Bezahlangebote. Sie begreifen langsam, dass es immer noch Leute gibt, die trotz der Masse an kostenlosen Pornos Geld bezahlen für höhere Auflösungen, neuere Inhalte und längere Filme. Sie sind nur schwieriger zu finden als früher. Und dafür braucht es eben die Tubes.
Der Geldstrom, der in die Pornoindustrie fließt, ist nach wie vor enorm. Etwa 14 Milliarden Dollar jährlich. Er verteilt sich nur anders. Einer der neuen Gewinner ist Mansef, eine Holding aus Pay- und Tubesites in Montreal. Als die drei Gründer ihr Konglomerat im Herbst 2009 zum Verkauf stellen, schlägt Thylmann zu. Die Holding ist eigentlich eine Nummer zu groß für ihn, „aber das war genau das, was ich in Amerika wollte“.
Er sucht eine Bank, findet keine und gerät schließlich an eine New Yorker Investmentgesellschaft, die ihren Namen nicht in den Medien lesen will. Von ehemaligen Goldman-Bankern gegründet, investiert sie in Unternehmen mit prekärer Finanzlage. „Wir haben uns angeschaut, was Thylmann vorhatte, haben drei Monate lang geprüft und sind dann zum Ergebnis gekommen: Das funktioniert“, sagt einer der Partner. „Dass es um Pornos ging, hat uns nicht abgeschreckt. Die Chancen des Geschäftsmodells waren größer als jedes Reputationsrisiko.“
Mit der Finanzierung in der Tasche fliegt Thylmann im Dezember 2009 nach Montreal, um mit den Mansef-Eignern zu verhandeln. Er bietet am wenigsten. „Thylmann was the cheapest fuck“, sagt einer, der damals dabei war. Aber keiner kann so schnell zahlen – ein Drittel im Vorfeld, ein Drittel über ein Jahr verteilt, den Rest zum Schluss.
Und für die Mansef-Gründer ist Zeit Geld. Sie sind abgekämpft nach Prozessen wegen Urheberrechtsverletzungen und Geldwäsche, sie wollen raus. Einer von ihnen wird Vater, will den Stress nicht mehr, ein anderer ist Moslem, will heiraten – und seine Verlobte gibt ihm zu verstehen, dass sein Lebensunterhalt wenig gottgefällig ist. Im März 2010 geht Mansef an Thylmann.
„Das war der Moment, in dem ich das erste Mal dachte, dass das etwas Großes werden kann“, sagt er. Es ist der Beginn einer Einkaufstour, wie sie die Branche noch nicht gesehen hat.
Seine Kreditgeber statten ihn mit einer vollen Kriegskasse aus: Bis 2016 bekommt er 362 Mio. Dollar, in Tranchen, 200 Mio. Dollar davon hat er bereits. Genug für ein kleines Imperium.
Thylmann benennt Mansef um in Manwin und zieht los. Was auf dem Markt ist, landet in seinem Portfolio, die dürren Jahre haben viele Unternehmer verkaufswillig gemacht.
Heute, zweieinhalb Jahre später, besitzt er die klangvollsten Namen der Sexindustrie. Und seine Websites sind groß genug, um ethnologische Studien zu erlauben.
300 Millionen Menschen rufen jeden Monat 16 Milliarden Mal Thylmanns Seiten auf. So hoch sind die Zugriffsraten, dass sie verlässliche Aussagen über die sexuellen Vorlieben einzelner Länder zulassen. Kanadier etwa stehen auf Lesben, Deutsche auf reife Frauen, große Brüste mögen sie alle. Die Daten verraten auch, wie freizügig Gesellschaften sind: Inder etwa bleiben im Schnitt sieben Minuten auf Thylmanns Seiten, zwei Minuten weniger als US-Amerikaner. Deren Erregungskurve verläuft deutlich flacher, weil ein durchsexualisiertes Umfeld sie an nackte Tatsachen gewöhnt hat.
Und wenn mit Beginn des Fastenmonats Ramadan Enthaltsamkeit angesagt ist, bricht der Traffic aus islamischen Ländern am ersten Tag um 70 Prozent ein. Weniger strenggläubige Staaten wie Indonesien sind bereits nach zwei Wochen wieder auf Normalniveau. Im orthodoxeren Ägypten hingegen steigen die Nutzerzahlen wesentlich langsamer und explodieren bei Fastenende geradezu.
Die Datenmenge ist ein enormer Wettbewerbsvorteil. „Wir können in abartig kurzer Zeit sehen, was funktioniert.“ Welche Videos Hits werden, welche Werbebanner ziehen – für Manwin ist Marktforschung eine Frage von Sekunden. „Wenn Thylmann eines kann“, sagt einer, der ihm sonst nicht sonderlich gewogen ist, „dann Datenströme analysieren.“
Selbst Google ist mittlerweile beeindruckt. Interessiert, die andere Seite seines Kerngeschäfts besser kennenzulernen, tauscht sich der Konzern aus Kalifornien mit den Kanadiern regelmäßig aus über Suchmaschinenoptimierung, Onlinewerbung und Konversionsraten.
Thylmann hat – vielleicht früher und umfassender als jeder andere in der Branche – begriffen, dass Größe alles ist, wenn der geschäftliche Erfolg von der Reichweite abhängt. „Etwa jeder tausendste Besucher greift auf Bezahlinhalte zurück“, rechnet Thylmann vor. Solange man genug Kunden erreiche, komme was dabei rum. Manwin erziele einen mittleren dreistelligen Millionenumsatz, die eine Hälfte stamme von werbefinanzierten Tubes, die andere von Paysites. „Er hat das schlau gemacht“, sagt ein namhafter Konkurrent aus Deutschland. „Er hat sich jede Menge Traffic gekauft und dahinter Bezahlangebote hochgezogen.“
In Thylmanns Haus werden die Scripts für die Filme geschrieben, die Darsteller gecastet, die Szenen geschnitten, bearbeitet und online gestellt und seit Anfang 2012 auch produziert: Mit Digital Playground hat er sich im Januar eines der größten Studios der Welt gekauft. Gedreht wird vor allem in den USA und in Osteuropa – natürlich auch das im großen Stil: Ziel ist es, für all seine Marken genug Material auf Halde zu haben, um im Fall einer HIV- oder Syphilisinfektion selbst ein halbes Jahr Produktionsstopp überstehen zu können. Viel fehlt ihm dazu nicht mehr. Für die Inhalte, die Manwin selbst nicht stemmen kann, greift das Unternehmen auf eine Reihe von Vertragspartnern zurück – auch pornografische Großkonzerne brauchen Zulieferer.
Mittlerweile sind die Nischen ausgekehrt, die Geschmäcker bedient. Das Tempo, mit dem Manwin wächst, verlangsamt sich. Zwei, drei Zukäufe soll es dieses Jahr noch geben. „Wir müssen jetzt verdauen“, sagt Thylmann. Ein Satz, auf den sie in Montreal lange gewartet haben. Die Expansion hat Kraft gekostet.
Thylmann selbst aber bleibt rastlos. Urlaub findet er „anstrengend“, und beim Quartalsessen der Firmenspitze in Montreal, wenn alles um ihn herum feiert, sitzt er am Tisch, einsilbig, brütend, in Gedanken bei der Firma. Von seinen Mitarbeitern erwartet er prompte Antworten auf Mails, immer. „Selbst wenn sie gerade eingeschlafen sind, als meine Mail ankam, nach acht Stunden gibt es keine Ausrede mehr.“ Ihm selbst reichen zumeist fünf Stunden Schlaf, dann sitzt er wieder vor dem Bildschirm, zu Hause im Arbeitszimmer, im Büro, unterwegs. Oder vielmehr: saß.
Die Festnahme hat dieser Betriebsamkeit ein jähes Ende bereitet. Zum ersten Mal in seinem Leben ist Fabian Thylmann offline. Möglicherweise noch eine ganze Weile lang. Keine Staatsanwaltschaft lässt wegen ein paar Hunderttausend Euro einen Haftbefehl vollstrecken. Dass die Aachener Steuerfahnder den Fall an die Experten für Wirtschaftsstrafrecht in Köln abgegeben haben, deutet ebenfalls auf eine größere Dimension hin. Im Extremfall warten auf Thylmann zehn Jahre Haft.
Gerüchte gab es schon immer. Thylmann ist nicht nur der erfolgreichste Mann der Szene, sondern auch der verhassteste. Mit seinem Effizienzstreben hat er, der Außenseiter, viele Konkurrenten düpiert, manche ruiniert. Nach jeder Akquisition wurde der Argwohn ihm gegenüber größer: Wieso schafft der, was wir nicht schaffen? Verschwörungstheorien machten die Runde: Betrug, Geldwäsche, Mafia, Steuerhinterziehung.
In den Archiven des Branchenforums Gofuckyourself.com lässt sich nachlesen, wie der Beschuldigte sich als „Nathan“ jahrelang die Finger wund tippt, um die Hassattacken seiner Wettbewerber zu kontern. Mal sachlich, mal sarkastisch, mal unflätig – Protokolle einer zwecklosen Verteidigung. Oder die einer großen Lüge.
Thylmanns Firmenstruktur ist das, was Fachleute kompliziert nennen. Oder undurchsichtig, je nach Standpunkt. Manwin ist ein Geflecht aus Firmen und Subfirmen, und die höchsten Gewinne tauchen dort auf, wo die Steuern am niedrigsten sind: in Luxemburg, Irland, Zypern.
Er hat sich diese Struktur von den Wirtschaftsprüfern von Grant Thornton basteln lassen, steueroptimiert, das gibt er selbst zu. Tatsächlich sind solche wuchernden Gesellschaftsformen für IT-Unternehmen üblich. Da der Großteil ihrer Firmenwerte virtuell ist oder aus Markenrechten besteht, können sie leicht ausgelagert werden. Apple etwa ist darin so erfolgreich, dass der Konzern 2011 im Ausland gerade einmal 1,9 Prozent Steuern auf seinen Gewinn abführte.
Die Frage, mit der sich jetzt das Kölner Landgericht beschäftigen muss: War Thylmanns Reich wirklich nur legal steueroptimiert – oder mehr als das? Im September war bereits die „Welt am Sonntag“ auf Unstimmigkeiten bei Mydirtyhobby.com gestoßen. Obwohl der offizielle Betreiber der Website eine von Thylmanns Subfirmen auf Zypern ist, deute vieles darauf hin, dass tatsächlich Manwin Deutschland für die Seite zuständig sei. Stimmt das, müssten die Gewinne hierzulande versteuert werden. Nach allem, was aus dem Umfeld der Ermittler zu vernehmen ist, basiert Thylmanns Verhaftung auf genau diesem Vorwurf.
„Das hat weder Hand noch Fuß“, verteidigte sich Thylmann, wann immer er darauf angesprochen wurde. „Anschuldigungen, nichts weiter“, wiegelte Grant Thornton ab. „Wir machen uns deswegen keine Sorgen“, sagten die Geldgeber.
Nun wird Thylmann offiziell der Steuerhinterziehung verdächtigt, Grant Thornton schweigt, und die Investoren wollen keinen Kommentar abgeben.
Was dem Pornotycoon mindestens so zusetzen dürfte wie eine strafrechtliche Verfolgung, ist die Angst um seinen Ruf. Denn es mag eine merkwürdige Sentimentalität für einen Sexunternehmer sein, aber Thylmann hängt an seinem Ruf.
Als junger Nerd in der Schule war es ihm egal, was andere über ihn dachten; bei seinen Geschäftspartnern hinterließ er ohne Bedenken verbrannte Erde. Da kannte ihn niemand, da spielte das keine Rolle. Doch das hat sich geändert, inzwischen ist er exponiert, und das gefällt ihm nicht. „Es geht um meinen Namen“, kommentierte er die Anfeindungen gegen sich. Und es gibt Momente, in denen er die Geduld mit der Gesellschaft verliert, die seine Angebote nutzt, milliardenfach, und ihn dann doch verachtet. Dann tritt ein unwirscher Zug auf sein Gesicht, dann hantiert er mit den Händen in Kopfhöhe, und wer sich mit seinen Mitarbeitern unterhält, der weiß, dass Vorsicht angesagt ist, dass er kurz davor ist, fuchsig zu werden.
Was Thylmann in solchen Augenblicken einfordert und nicht bekommt, ist Akzeptanz. Und daran wird sich nichts ändern. Wie auch immer die Geschichte ausgeht: ob er tatsächlich Steuern hinterzogen hat und, wenn ja, ob absichtlich oder weil er zu unvorsichtig, zu schnell gewachsen ist – Thylmann und das Thema Steuerhinterziehung werden fortan zusammengehören wie siamesische Zwillinge.
Mitte November, im letzten Telefonat vor seiner Verhaftung, sprach er über Doppelmoral. Bigott sei es, dass bei Apple niemand etwas sage, ihm aber Steuerhinterziehung unterstellt würde. Und dass er nicht daran denke, etwas zu ändern. „Die Struktur ist nicht das Problem.“
Thylmann hat in seiner Karriere vieles richtig gemacht. An der entscheidenden Stelle hat er geirrt.
Das Weihnachtsfest findet natürlich auch auf Smartphone und Tablet statt. Ob Plätzchen backen, Weihnachtssingen oder sich die Zeit vertreiben. Diese Apps können beim Fest der Liebe ziemlich praktisch sein.
Die EU-Kommission hatte Apple dazu verdonnert, 13 Milliarden Euro nicht gezahlter Steuern an Irland nachzuzahlen. Jetzt kündigten der iPhone-Konzern und Irland gemeinsam an, gerichtlich gegen die Forderung vorzugehen. In einem Interview erklärte Apples Finanzchef den Schritt. Und teilte nebenbei kräftig gegen die EU aus. Man wolle seine Steuern nämlich lieber in den USA zahlen. Aber nur, wenn dort die Steuersätze sinken.
Das sagte Luca Maestri gegenüber der „Welt“. Er ist Apples internationaler Finanzchef. Seiner Ansicht nach schuldet Apple Irland keinerlei Steuernachzahlungen. „Wir sind der größte Steuerzahler der Welt und haben auch in Irland alle unsere Steuern gezahlt“, erklärte er. Das sieht die EU allerdings anders. Denn Apple hat in Irland nicht eine, sondern zwei Firmen. Eine übernimmt den Verkauf der beliebten iPhones, Tablets und so weiter in Europa, dem Nahen Osten, Indien und Afrika. Der Großteil der Gewinne geht aber an Apples „Head Office“ in Irland, eine weitere Firma, die aber als nicht in Irland ansässig geführt wird. Und daher nach Apples Meinung ihre Steuern in den USA zahlen müsste. Die irische Regierung teilt diese Ansicht.
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Als Begründung nennt Apple die Tatsache, dass der Großteil der Forschung und Entwicklung – und damit die Wertschöpfung – in den USA stattfindet. Der EU wirft Maestri daher eine politische Agenda vor: „Was die Kommission hier macht, ist eine Schande für europäische Bürger, sie sollte sich schämen.“ Er sieht durch das Vorgehen zudem den europäischen Wirtschaftsstandort gefährdet. Unternehmen, die überlegten, wo sie sich niederlassen, dürften seiner Ansicht nach die EU in Zukunft deutlich unattraktiver finden und stattdessen lieber auf den Fernen Osten setzen. Etwa auf Singapur oder Hongkong.
Die EU-Kommission sieht die Situation völlig anders. Noch steht ihr vollständiger Bericht nicht der Öffentlichkeit zur Verfügung, seit August versucht man sich mit Apple zu einigen, welche Stellen wegen zu detaillierter Finanzinformationen geschwärzt werden müssen. Klar ist allerdings: Die EU, dass Irland Apple unrechtmäßige Steuervorteile gewährt. So behauptet die EU, Apple hätte 2014 gerade einmal 0,005 Prozent seiner eigentlich fälligen Steuern beglichen.Apple-Fakten 11.44
Allerdings legen Apple und die EU unterschiedliche Bemessungsgrundlagen an. Die Summe sei schlicht zu hoch, betonte Maestri gegenüber der „Welt“. Die Kommission rechne dem Sitz in Irland knapp 90 Prozent von Apples Gewinnen außerhalb der USA zu. Viel zu viel, findet er. Apple würde dann fast 40 Prozent des irischen Steuertopfes ausmachen.Macbook Akku Probleme_12.45
Der Konflikt begründet sich auch darin, dass die Kommission dem „Head Office“ die Existenzberechtigung als eigene Firma abspricht. Es hat keine eigenen Angestellten, sondern wird von den USA aus gesteuert. Nach Einsicht von Sitzungsprotokollen kam die EU zu dem Schluss, das „Head Office“ sei keine echte Firma.
Schuld an der verwirrenden Situation ist vor allem das besondere Steuerrecht der USA. Alle in dem Land ansässigen Firmen müssen auch dort ihre Gewinne besteuern – egal, wo sie eingenommen wurden. Die EU weiß das natürlich. Daher gibt es auch ein Abkommen mit den USA um Doppelzahlungen zu vermeiden. Nun kommt aber eine weitere Besonderheit ins Spiel: Die Unternehmen dürfen mit einer verzögerten Einfuhr der Gelder in die USA auch ihre Steuerpflicht verzögern. Eine Möglichkeit, die viele Konzerne dankend nutzen. Apple Kinofilme_16.45
Und auch Apple gibt offen zu, dass man aktuell nicht vorhat, das Geld in den USA zu versteuern. Der dort geltende Körperschaftssteuersatz von 35 Prozent sei „unvernünftig“ erklärte CEO Tim Cook in einem Interview im letzten Jahr. Man warte daher lieber, ob die Steuersätze noch sinken. Eine Maßnahme, die der designierte Präsident Donald Trump bereits erwägt. Er verlangt dafür allerdings die Schaffung von Arbeitsplätzen in den USA.
Apple fürchtet indes um seinen guten Ruf: „Wir verkaufen [aufgrund der Vorwürfe] zwar nicht weniger iPhones, aber es ärgert uns, als Steuerhinterzieher an den Pranger gestellt zu werden.“ Man lege viel Wert auf Bildung und Umweltschutz, Menschenrechte und Inklusion, betonte Maestri im Interview. „Es ist absurd, uns als Steuerhinterzieher darzustellen.“iOS Tricks Fotostrecke 8.34h
Die EU-Kommission will ihre Einstellung zur Not vor Gericht durchsetzen, sagte eine Sprecherin der Behörde gegenüber der Nachrichtenagentur DPA. Apple habe sich besondere Steuervorteile in Irland gesichert, indem man Arbeitsplätze versprochen hatte. Tatsächlich werden in Irland iMacs zusammengebaut, die mit besonderen Optionen wie mehr Arbeitsspeicher oder einer größeren Festplatte geordert werden. 6000 Angestellte hat der Konzern in Cork, die neben dem Werk auch im Kundendienst und der Logistik arbeiten.
Irland steht indes an Apples Seite. Man habe dem Konzern keine Steuervorteile geboten, die Kommission müsse das Gegenteil erst einmal beweisen. Bereits am 9. November 2016 hatte der EU-Staat seine eigene Klage gegen die Vorwürfe eingereicht. Für das kleine Land geht es um viel. Knapp 150.000 Menschen arbeiten dort für ausländische Konzerne, die Zahl könnte schnell sinken, wenn die Unternehmen eine Verfolgung durch die EU befürchten müssen.Airpods_13.30

Die US-Firma Synaptics hat einen Fingerabdruckscanner vorgestellt, der die Handy-Taste überflüssig macht. Er wird unter Glas verbaut!
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