Alexa-Chef Dave Limp: "Natürlich kann man KI für böse Zwecke nutzen"

Was haben Sie Alexa zuletzt gefragt?

„Mach die Leuchten am Weihnachtsbaum an“: Wenn ich unterwegs bin, spielen meine Kinder und ich gerne Spielchen miteinander. Wir sind Weihnachtsfans, haben jetzt schon drei Weihnachtsbäume zuhause. Und die mache ich dann von unterwegs über die smarte Steckdose an.Interview Dave Limp: Lauschen und Shoppen

Sie dürften ja einige Echos im Einsatz haben.

Ich habe ein gutes Dutzend zuhause. So 12 oder 13. Also nur Echos. Wenn ich andere Alexa-Geräte wie FireTVs hinzuzähle, sind es deutlich mehr.

Als Amazon Echo das erste Mal bei uns stand, hielt ich es für ein nettes Spielzeug. Dann fiel uns auf, dass es der erste Computer war, den unsere damals zweijährige Tochter alleine bedienen konnte. Wächst gerade eine „Generation Sprachsteuerung“ heran?

Ja, aber nicht im Extrem. Kinder, die jetzt zuerst mit Sprachsteuerung aufwachsen, werden auch Touchscreens und Tastaturen zu nutzen lernen. Tastaturen gibt es seit Ende des 19. Jahrhunderts, sie sind sehr gut für das, wozu sie gemacht sind – nämlich lange Texte zu schreiben. Und auch Touchscreens sind sehr gut für ihre Zwecke. Die Stimme wird als neues Interface hinzukommen. Und es wird – und ich denke es ist jetzt schon – der neue Normalzustand für eine Generation.

Wie wirkt sich das aus?

Wie man sich vorstellen kann, habe ich ein ziemlich smartes Haus. Und meine Kinder können in jeden Raum des Hauses gehen und per Sprache das Licht anmachen. Für sie ist das normal. Wenn sie woanders sind und es nicht klappt, ist in ihrer Wahrnehmung das Haus kaputt. Die Kinder werden es immer mehr gewohnt sein, mit Geräten zu reden – und es als Manko empfinden, wenn das nicht geht.

Sie erwarten es einfach.

Und sie haben Recht damit. Mit Stimmen zu kommunizieren, lernen wir von klein auf. Wir lernen es sehr schnell, wir sind darauf ausgelegt. Und für viele Dinge – nicht alle, wie ein langes Dokument zu tippen – ist es eine sehr natürliche Art der Interaktion, bequemer, schneller als andere. Das, was Alexa- und Echo-Nutzer am ehesten anzieht, ist die bequeme Nutzung . Es spart einfach Zeit.

Obwohl wir auch in der U-Bahn oder der Bar telefonieren, spricht kaum jemand öffentlich mit Sprachassistenten. Es fühlt sich einfach falsch an. Wird dieses Stigma irgendwann verschwinden?

Ich glaube, die Industrie hat es noch nicht geschafft, alle wichtigen Nutzungs-Szenarien zu entdecken, wenn es um Sprachsteuerung geht. Im Auto navigieren oder etwas diktieren ist sehr natürlich, das versteht jeder intuitiv. Bei Smartphones und PCs ist das schon anders. Sie sind sehr persönlich, nicht so auf einen Nutzen in einer Umgebung eingerichtet, wie wir Echo sehen. Der Touchscreen hat verändert, wie wir Mobilgeräte wahrnehmen – und er ist sehr optimiert. Dinge zu finden, wo Sprache besser funktioniert, ist für die Nutzer oft gar nicht so einfach, weil Apps für Touchscreens oder Tastaturen ausgelegt sind.

Anders als bei Google oder Siri kann man der Alexa-App nicht einfach per Chat befehle geben.

Man kann mit Touch Lampen ausschalten und ähnliches. Aber stimmt: Chatten kann man nicht. Ich gebe das mal an mein Team weiter. Als Industrie haben wir auf Smartphones immer noch nicht die Killerfunktion für Sprachsteuerung gefunden. In einem Wohnzimmer oder der Küche ist das schon anders. Da findet man jeden Tag neue. Weil man es eben auch öffentlich nutzen kann. Ich kann entweder eine der Dutzenden Smarthome-Apps auf meinem Telefon öffnen, den Raum und dort die richtige Lampe finden. Aber das ist nicht bequem. Oder ich frage Alexa, die auch am anderen Ende des Raumes stehen kann – und habe das gleiche Ergebnis.

Amazon Echo war der erste Computer, der nur über Sprache gesteuert wird. Dafür muss man die Interaktion komplett neu denken. Was waren bei der Entwicklung die größten Hürden?

Amazon Alexa besser machen_17.40Ich würde es nicht Hürden nennen, sondern eher von einzelnen Offenbarungen sprechen. Die erste kam, als wir Echo das erste Mal zu Leuten nach Hause brachten. Akustische Umgebungen in einem Zuhause – zumindest in meinem – sind schlichtes Chaos. Überall ist Lärm, die Kinder laufen herum, jemand spült, es läuft Musik – und Alexa muss einen trotzdem verstehen. Also mussten wir lernen, in solch schweren akustischen Umgebungen zu arbeiten.

Was war die zweite Erkenntnis?

Die zweite war Latenz. Die Nutzer akzeptieren bei Sprachsteuerung keine Verzögerung. Und die war am Anfang immens. Wir benutzten als Test immer die Frage nach der Uhrzeit. Und Alexa brauchte jedes Mal ganze 6 bis 8 Sekunden.

Eine Ewigkeit.

Als wir dann aus dem Labor kamen war schnell klar: Das machen die Nutzer nicht mit. Wir mussten die ganze Cloud-Reaktion deutlich optimieren. Mittlerweile liegen wir hier bei unter 1,5 Sekunden und werden schneller.

Was fehlte dann noch?

Als drittes wurde uns klar, dass Leute Alexa als eine Bekannte wahrnehmen wollten, sie also eine Persönlichkeit brauchte. Diese Erkenntnis führte auch zum Namen Alexa – der übrigens als Aktivierungswort viel schwerer umzusetzen ist als andere Varianten wie zum Beispiel „Hey Amazon“ oder „OK Amazon“. Hier war es ein Segen, dass wir nicht vom Smartphone kamen und schon ein System hatten. Die Persönlichkeit Alexas wäre sonst nie umzusetzen gewesen.

Unterscheidet das Alexa von Siri und Googles Assistant?

Weil uns die Persönlichkeit Alexas so wichtig ist, darf sie auch Meinungen und Vorlieben haben. Etwas, das die meisten Assistenten nicht dürfen. Stellen Sie sich eine Dinner-Party ohne Meinungen vor, das wäre völlig langweilig. Fragen Sie Alexa etwa einfach mal, was ihr Lieblingsbier ist.

Worauf kommt es bei der Wahl eines Aktivierungswortes genau an?

Bei Aktivierungsworten sind zwei Dinge wichtig: Das Wort sollte es phonetisch am besten nicht in der Sprache geben – was beim Namen Alexa in vielen Sprachen nicht der Fall ist – und es braucht möglich viele harte Konsonanten. Etwa „X“, wie in Alexa. „K“ ist auch gut, wie in „OK“ oder „Y“ wie in „Hey“. Wenn man also ein längeres Wort, das es nicht in der Sprache gibt und viele harte Konsonanten hat, hat man ein gutes Aktivierungswort.

Alexa ist also schwierig. Machte das mehr Arbeit?

Weil Alexa in vielen Sprachen vorkommt und zum Beispiel wie „I Like you“ klingt, hatten wir am Anfang deshalb Unmengen von Fehlaktivierungen. Mittlerweile hat sich das natürlich enorm verbessert.

Ist die Anzahl der Silben nicht ebenfalls wichtig? Die meisten Aktivierungsworte haben drei Silben.

Silben sind wissenschaftlich gesehen tatsächlich nicht so wichtig, wie man vermuten würde. Es hilft ein wenig, aber die beiden genannten Aspekte sind viel wichtiger.

Spracherkennung ist mehr als nur Worte zu verstehen, sie muss erkennen, was man von ihr möchte. Wie trainiert man eine Künstliche Intelligenz, emphatisch zu sein?

Der erste Schritt ist erstmal, die Sprachaufnahme in die Cloud zu senden und sie in Text umzusetzen. Das funktioniert gut, so alle 100-200 Wörter geht mal ein Wort verloren. Dann läuft ein Programm zur Erkennung natürlicher Sprache darüber – inklusive der noch vorhandenen Fehler – und versucht eine Interpretation auf Basis von maschinellem Lernen und unzähligen Datensätzen mit bekannten Befehlen. Oft werden dann die Fehler beseitigt. So bekommt man eine Einschätzung, was der Nutzer möchte, geteilt in Intention und weitere Metadaten. Etwa: Wir glauben, dass du „Spiel Musik“ gesagt hast und dass der Wunsch das Musical Hamilton ist.

Woher weiß Alexa, dass sie richtig liegt?

Amazon Echo Meta: Wie Sprachsteuerung unseren Alltag erobert,7.00 Nehmen wir als anderes Beispiel Weihnachtsmusik. Selbst dann kann immer noch viel Spielraum sein. Der Musik-Teil kann unverständlich gewesen sein, es könnte auch ein Film gemeint sein. Der Befehl „Spiel“ kann schließlich vieles heißen. Wir schicken also unsere Interpretation an jede Menge Schnittstellen – oft inklusive einer Reihe von Drittanbieter-Skills -, die alle eine Variante vorschlagen, was nun getan werden könnte und wie wahrscheinlich das die richtige Antwort ist. Und dann nimmt Alexa die statistisch wahrscheinlichste Variante. Das alles passiert in 1,5 Sekunden. Und dann sagt man dem Programm immer wieder, ob das richtig oder falsch ist, und trainiert es so immer weiter.

Als Sie als Hardware-Chef zu Amazon kamen, gab es nur den Kindle. Im Herbst haben Sie eine eigene Mikrowelle mit Alexa-Unterstützung vorgestellt. War das eine natürlich Entwicklung?

Nein, ich habe nicht kommen sehen, dass wir irgendwann eine Mikrowelle bauen. Es war eine Entwicklung, die von vielem beeinflusst wurde. Das wichtigste war sicher Kunden-Feedback. Aber auch Experimente, von denen manche erfolgreich waren und andere nicht. Und auch von Glück. Wir hatten bei manchen Sachen einfach das Glück, das richtige Produkt zur richtigen Zeit anzubieten. Und dann ist da natürlich das Scheitern, von dem man oft mehr lernt aus den Erfolgen. Das alles sorgte dafür, dass die grundlegende Idee gestärkt wurde.

Welche Idee ist das?

Nicht nur Gadgets zu bauen. Wir wollen Unterhaltungselektronik bauen, in die verschiedene  Dienste tief integriert sind – nicht nur unsere, sondern auch in andere – etwa bei Musik-Streaming, wo wir gleich mehrere Dienste unterstützen. Das geht nur, weil wir Cloud-basiert arbeiten. Unsere Produkte erhalten weiter Updates und neue Inhalte, wir unterstützen selbst den Original-Kindle von 2007 immer noch.

Bei Smartphones sind ausbleibende Updates ein echtes Problem. Bisher unterstützen alle Echos die neuesten Features. Wird der erste Echo irgendwann bei Updates ausgelassen werden?

Ja, ich denke schon – irgendwann. Aber nicht in absehbarer Zukunft. Wir sind da ja nicht wie die klassische Industrie, dass wir ständig neue Geräte verkaufen müssen. Die meisten Elektronik-Unternehmen verdienen das Geld, wenn sie einem das Produkt verkaufen. So funktioniert unser Geschäft nicht. Wir verdienen Geld, wenn die Kunden die Geräte benutzen. Wir verkaufen sie quasi zum Herstellungspreis. Dadurch haben wir keinen Anreiz, alle zwei Jahre die Kunden zum Upgrade zu bringen, aber haben hohe Anreize, die vorhandenen Geräte mit neuen Features am Leben zu erhalten.

Es muss also nicht immer das neueste Modell sein.

Wir freuen uns also, wenn Kunden heute einen Echo Dot kaufen und ihn dann zehn Jahre lang nutzen. Alle unsere Geräte, ob FireTV, Fire Tablets, der Dash-Button, Echo oder Kindle folgen diesem ganz grundlegenden Prinzip. 

Wenn erst die Nutzung Gewinne einbringt, wie genau verdient der Echo dann Geld?

Die offensichtlichste Form ist Amazon Music. In Deutschland lief das schon von Anfang an sehr gut, weltweit war es zu Beginn kaum auf dem Schirm. Jetzt ist Amazon Music der drittgrößte Anbieter der Welt. Zu diesem Erfolg trägt Echo sicherlich bei. Auch Audible läuft hervorragend auf Echo. Alexa gibts ja auch beim FireTV, da läuft Prime Video sehr gut. Und dann ist da natürlich Shopping.

Amazons Spezialität. Wie wird das auf dem Echo umgesetzt?

Bisher sind das vor allem das sprachgesteuerte Management von Einkaufslisten und Nachbestellungen. Aber es wird mit der Zeit sicher breiter werden. Jedes Mal, wenn ein Kunde in der Küche steht und es durch Echo etwa bequemer ist, Hundefutter nachzubestellen, ist das ein weiterer Weg, Echo zu monetarisieren. Es gibt noch mehr, aber wichtig ist auch, dass Echo ein Katalysator für die Smarthome-Nutzung ist.

Inwiefern? Leute kaufen Smarthome-Zubehör, weil sie einen Echo haben?

Wir dachten lange, die Entwicklung passiert nur gleichzeitig, aber mittlerweile sind wir sicher, dass da ein kausaler Zusammenhang besteht. Leute kaufen also smarte Glühbirnen und Steckdosen, Thermostate, Kameras und all sowas. Nicht alle kaufen es bei Amazon aber eben ein Teil. Und das lohnt sich für uns sehr. 

Berichten zufolge benutzt kaum jemand den Echo zum einkaufen. Sind Sie denn zufrieden mit den Verkäufen über Echo?

Wir sind da echt gut gestartet. Ich nehme immer das, was die Presse schreibt und was wir wissen mit einer Prise Vorsicht. Es ist wirklich ein guter Start. Man kann noch nicht alles gut bestellen. Das ist eine Herausforderung, die Sprache mit sich bringt. Wir haben Hunderte über Hunderte über Hunderte Millionen Produkte. Musik ist einfach. Da gibt es 40 Millionen Lieder, weniger Künstler, noch weniger Alben. Bei Shopping hängt da viel mehr dran. Man muss Größe, Schnitt, Farbe, Marke und viele weitere Metadaten abgleichen. Aber ich bin da sehr positiv eingestellt. Das Shopping, das es bereits gibt, die Nachbestellungen, die Einkaufslisten laufen alle sehr gut.

Werden die über den Echo gesammelten Daten irgendwann bei Werbung einfließen um zusätzliche Gewinne einzunehmen?

Nein. Wir haben über 10.000 Mitarbeiter, die nur an Alexa arbeiten – und nicht einer von ihnen arbeitet an Werbung.

Und wie verwendet Amazon die Daten?

Wenn Sie über Alexa shoppen, dann fließen diese Daten auch wieder bei Shopping-Empfehlungen bei Amazon ein. Solange man sein Einkaufs-Profil behält und nicht löscht, könnte dann etwa wieder dieselbe Hundefutter-Sorte vorgeschlagen werden. Aber es gibt keine spezifischen Echo-Daten die da einfließen.

Die Deutschen sind wegen ihrer Geschichte mit Stasi und Gestapo beim Bereich Daten sehr empfindlich.

Und das sollten sie auch. Mir ist sehr wichtig, hier eine Nuance zu betonen: Leute denken, dass Werbung verkaufen immer das Gleiche sei. Aber wir verkaufen nur Werbung bei Amazon an Leute, die bei Amazon verkaufen, also innerhalb eines geschlossenen Systems. Wir haben noch nie – und werden auch nie – diese Daten extern weitergeben. Wir nutzen sie intern, um Features anzubieten, die unseren Kunden helfen, Empfehlungen sind da nur ein Beispiel.  Aber wir verkaufen diese Daten nicht.

Angela Merkel hat gerade betont, dass sie die Menschen nicht als Daten-Ressource reduziert sehen will. Ist die Angst davor etwas, das man mit Technologie lösen kann?FireTV Stick mit Alexa_12.15

Das ist glaube ich ein gesellschaftliches Problem. Wir sollten alle nicht unsere Zeit damit verschwenden, ständig auf ein sechs Zoll großes Stück Glas zu starren. Manchmal hat meine Familie das Bedürfnis, das zu tun und dann muss ich sie darauf hinweisen, dass wir so nicht zu Abend essen wollen oder einen Film lieber zusammen schauen. Das mag ich so an Echo, dass es nicht aufdringlich ist. Man hört gemeinsam Musik und sitzt nicht dabei mit Kopfhörern in der Ecke.

Es ging mir mehr darum, dass einige Konzerne den Mensch als reines Daten-Vieh zu sehen scheinen und nicht als Kunden.

Wir haben schon seit Anfang an das Bedürfnis, den Kunden die Kontrolle über ihre Daten zu überlassen. Man kann seine Shopping-Historie löschen. Bei Alexa und Echo ist es dasselbe. Wir haben gerne Zugriff auf die bei uns – sicher verschlüsselt –  gespeicherten Echo-Anfragen, weil es den Service besser macht, das maschinelle Lernen funktioniert dann besser. Aber auch das kann man alles löschen.

Jeder Echo-Besitzer hat eine komplette Sammlung aller je gestellten Anfragen. Sie sagten, die Audio-Anfragen sind verschlüsselt. Hat Amazon denn Zugriff darauf?

Es gibt sehr wenige Leute bei Amazon die an diese Anfragen kommen können. Es geht, aber sehr eingeschränkt, man muss jede Menge Genehmigungen einholen. Meistens nutzen wir es für Hilfsgesuche der Kunden selbst im Kundenservice.

Und was passiert, wenn staatliche Behörden Interesse an den Aufzeichnungen haben?

Uns ist erst mal wichtig zu betonen, dass nur gespeichert wird, was nach dem Wort „Alexa“ folgt. Alles andere kann ohnehin niemand wiederherstellen – weil es nicht existiert. Es wird nichts auf dem Gerät gespeichert und es wird nicht in die Cloud geschickt. Das, was dann tatsächlich gespeichert wird, kann man jederzeit löschen. Wenn man die Daten löscht, hat auch niemand Zugriff darauf. Sollten Daten gespeichert sein und wir erhalten eine gültige gerichtliche Anordnung, was in den USA häufiger vorkommt, ist bekannt, dass wir uns dagegen wehren.

Aber am Ende geben Sie auch nach?

Sollte es aber eine legitime Anfrage sein, müssen wir die Daten freigeben. Wir brechen ja nicht das Gesetz. Aber es ist das letzte Mittel. Und sollten die Betroffenen die Daten in der Zwischenzeit löschen, wären sie ohnehin weg – und auch nicht mehr wiederherstellbar.

In den USA wird gerade kontrovers diskutiert, ob die Tech-Konzerne der Regierung und dem Militär technische Hilfe leisten sollen. Während Google das Programm nach Protesten einstampfte, sicherte Microsoft dem Pentagon volle Unterstützung zu. Auch Amazon hat der Zollbehörde ICE Gesichtserkennungssoftware angeboten.Jahresrückblick: Als das Silicon Valley seine Unschuld verlor 6.35

Generell glauben wir bei Amazon, dass Innovation für das Gute eingesetzt werden sollten. Wir wollen allerdings auch nicht Entwicklungen von Regierungen fernhalten. Die Cloud ist eine sehr wichtige Erfindung. Und sie wird rund um die Welt Steuergelder sparen, weil sie effizient ist. Auch deshalb sollte sie – wie auch andere Technologien – Staaten zur Verfügung stehen. Wie diese sie dann aber einsetzen, müssen wir unbedingt im Auge behalten. Wir leben in einer Demokratie und die Leute sollten die Politiker und ihr Handeln prüfen und bewerten. Mit Amazon sollten sie übrigens dasselbe tun.

Aber wir wollen wie gesagt auch, dass Regierungen die Möglichkeit haben, unsere Technologie zu nutzen. Würde man etwa in Rückschau Regierungen Computer verweigern? Wurden Computer von Regierungen für böse Dinge missbraucht? Mit Sicherheit. Trotzdem glauben wir generell, dass man den technischen Fortschritt nicht aufhalten sollte.

Mark Zuckerberg und Elon Musk lieferten sich einen sehr öffentlichen Streit über die Gefahren der KI und die Frage, ob man sie regulieren sollte. Sehen Sie sich als KI-Optimist oder -Pessimist?

Ich bin ganz generell ein Optimist, und auch in Bezug auf KI. Meiner Ansicht nach sind die meisten Erfindungen auf gute Weise nutzbar gewesen und haben ihren Wert für die Gesellschaft hundertfach bewiesen, etwa moderne Medizin, die unsere Lebenserwartung in den letzten hundert Jahren drastisch erhöht hat. Natürlich kann man schlechte Medikamente herstellen und KI für böse Zwecke nutzen. Das ist keine Frage, so etwas wird passieren. Im Großen und Ganzen betrachtet wird es uns aber weiterbringen.

Auch als Optimist muss man aber auf Gefahren vorbereitet sein. Sollte man also nicht Grenzen festlegen?Siri und Alexa im Hotel_18.22

Es ist sehr schwer, die Grenzen vorherzusagen. Wir sind aber in einem Konsortium, etwa mit IBM, um die Ethik von KI zu klären. Es ist ein schwieriges Unterfangen, weil wir Computer-Wissenschaft mit Ethik und Moral vereinbaren müssen, aber es ist meiner Ansicht nach sehr gesund für die Branche, darüber nachzudenken.

Alexa hat zuerst gelernt zuzuhören, dann zu sehen. Wann lernt sie zu laufen?

Laufen ist schwer. Wir haben eine Konferenz zu Maschinenlernen, Automatisierung, Robotik und Weltraum (MARS) und jedes Jahr sind dort auch laufende Roboter. Aber ich habe noch nie einen mit Alexa gesehen. Aber das wird passieren. Ich weiß nicht wann, aber es wird passieren. Wahrscheinlich wird es aber noch ein bisschen dauern.

Musik überall: Bluetooth-Boxen bei Warentest: Guten Sound für unterwegs gibt es schon für 90 Euro

So flexibel war guter Klang noch nie: Mit Bluetooth-Lautsprecher lässt sich Musik fast überall hinnehmen, ob in den Garten, in die Küche oder zum Grillen in den Park. Doch welches Modell lohnt sich wirklich? Stiftung Warentest hat 19 Modelle getestet. Das Ergebnis: Es kommt auf die eigene Nutzung an.

Klang gegen Laufzeit

Einen echten Überflieger gibt es nicht. So konnte der Testsieger Bang & Olufsen Beoplay P6 zwar gemeinsam mit einem anderen Gerät mit dem besten Sound im Test punkten, die Akkuleistung ist aber nur mittelmäßig. Wer den schicken  250-Euro-Lautsprecher nur gelegentlich zwischen Zimmern herum trägt, dürfte mit den gebotenen 17 Stunden bei normaler und fünf Stunden bei voller Lautstärke zwar voll zufrieden sein. Will man ihn aber häufiger unterwegs nutzen, sollte man aber zu einem anderen Modell greifen.

Einen guten Kompromiss aus Klang und Laufzeit bietet etwa der zweitplatzierte Bose Soundlink Revolve Plus. Er hat den viertbesten Klang im Test, hält dabei auf normaler Lautstärke auch noch 36 Stunden durch. Nur voll aufdrehen sollte man unterwegs nicht: Dann ist schon nach vier Stunden der Saft leer. Der Preis: ab 240 Euro.Warentest Bluetooth-Kopfhörer_13.00

Preistipp und Party-Bespaßung

Den Maßstab beim Akku setzt der Preis-Leistungs-Sieger: Der Libratone Too kann nicht nur 40 Stunden bei normaler Lautstärke beschallen, sondern hält sogar 16 Stunden bei maximaler Beaschallung durch. Hier schaffen die meisten Konkurrenten im Test deutlich weniger. Dafür ist der Sound des Libratone aber nur noch „gut“. Ein echtes Plus ist der Preis: Mit 90 Euro ist der Libratone das günstigste Gerät im Test mit „guter“ Gesamtnote (2,1).

Wer die Box gerne für die Party unterwegs benutzt, sollte sich laut Warentest den Sony SRS-XB41 ansehen. Der Sound ist gut, der Akku hält mit 31 Stunden bei normaler und 7 Stunden bei voller Lautstärke sehr lange durch. Für besonderen Party-Spaß sorgen aber die Extrafeatures: Der Lautsprecher untermalt die Musik mit einer Lichtshow, wenn man darauf trommelt, kommen noch Sound-Effekte hinzu.

Insgesamt schnitten die Lautsprecher übrigens erfreulich gut ab. Von 19 hatten 11 einen guten, zwei sogar einen sehr guten Sound. Auch die Stabilität ist durch die Bank weg gut und besser. Bei Bedienbarkeit und Akkulaufzeit haben viele Geräte allerdings noch Raum nach oben. 

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Dave Limp: Spion im Zuhause? Amazons Echo-Chef verrät, wie viel Alexa mithört – und wie sie Geld verdient

„Alexa, spiele Weihnachtslieder.“ Dieser Befehl wird für jede Menge Streit unter dem Weihnachtsbaum sorgen. Dort werden auch dieses Jahr wieder jede Menge Amazon Echos stehen. Und während die eine Hälfte der Deutschen die Sprachassistentin Alexa als praktische Ergänzung ihres Alltags sehen, die sich sogar von den Kleinsten bedienen lässt, sehen andere in ihr nicht weniger als den großen Lauschangriff. 

Als Amazons Sprachlautsprecher Echo im Sommer 2015 vorgestellt wurde, kannte die Debatte nur ein Thema: Warum sollte man sich einen ständig lauschenden Lautsprecher in sein Zuhause stellen? Vom Kauf abgehalten hat das wenige. „Wir haben in Deutschland Millionen von Kunden, die einen Amazon Echo nutzen“, sagt Dave Limp zum stern. Er ist Amazons Hardware-Chef und weiß als Herr über Alexa genau, wie viel der Echo tatsächlich mitlauscht – und wie Amazon damit Geld verdient.

+++ Wie funktioniert Alexa – und für was benutzt sie Dave Limp selbst? Hier lesen Sie das Interview in voller Länge +++

Amazon Echo Alexa Was fragen die Leute wirklich 14.05

Wie viel lauscht Alexa wirklich?

Wohl aus den Erfahrungen mit Geheimpolizei und Stasi-Spitzelleien reagieren speziell die Deutschen sehr empfindlich auf die Vorstellung, belauscht zu werden – sei es von Firmen oder dem Staat. Der ständig lauschende Echo ist die ideale Projektionsfläche für diese Ängste. Zu Recht? „Uns ist erst mal wichtig zu betonen, dass nur gespeichert wird, was nach dem Wort ‚Alexa‘ folgt. Alles andere kann ohnehin niemand wiederherstellen – weil es nicht existiert. Es wird nichts auf dem Gerät gespeichert und es wird nicht in die Cloud geschickt“, beschwichtigt Limp. Tatsächlich lauscht Amazon Echo immer mit, erst nach dem Aktivierungswort „Alexa“ startet aber eine Übertragung ins Internet. Dort werden dann die Befehle verarbeitet. Dabei werden auch die Audiodaten gespeichert.

+++ Hier erfahren Sie, wie Sie ihre eigenen Aufzeichnungen finden und anhören.+++ 

Trotz Verschlüsselung sind wir aber nicht die einzigen mit Zugriff auf unsere Aufnahmen – auch Amazon kann sie jederzeit anhören. „Es gibt sehr wenige Leute bei Amazon, die an diese Anfragen kommen können. Es geht, aber sehr eingeschränkt, man muss jede Menge Genehmigungen einholen“, sagt Limp. Meist würde das gemeinsam mit dem Kunden bei Service-Anfragen passieren. Aber auch eine staatliche Behörde könnte die gespeicherten Audio-Daten anfordern. „Sollten Daten gespeichert sein und wir erhalten eine gültige richterliche Anordnung, was in den USA häufiger vorkommt, ist bekannt, dass wir uns dagegen wehren. Sollte es aber eine legitime Anfrage sein, müssen wir die Daten freigeben. Wir brechen ja nicht das Gesetz. Aber das ist das letzte Mittel“, erläutert Limp Amazons Umgang mit Behörden-Anfragen. Der iPhone-Hersteller Apple hatte sich im letzten Jahr damit profilieren können, Anfragen des FBI gerichtlich abzuschmettern. Dort war die Situation allerdings eine andere: Anders als Amazon hat Apple keinen Zugang zu den verschlüsselten Daten, der Konzern konnte also die technische Hürde vorschieben.Dinge, die Sie unbedingt über Ihren neuen Amazon Alexa 12-50

Löschen erlaubt

Immerhin gibt es für die Kunden auch bei Amazon einen Weg, einen staatlichen Zugriff zu verhindern: Man kann die Daten schlicht löschen. „Wir haben schon seit Anfang an das Bedürfnis, den Kunden die Kontrolle über ihre Daten zu überlassen“, so Limp. “ Wir haben gerne Zugriff auf die bei uns – sicher verschlüsselt –  gespeicherten Echo-Anfragen, weil es den Service besser macht, das maschinelle Lernen funktioniert dann besser. Aber auch das kann man alles löschen.“ Die Kunden hätten diese Option sowohl für die Shopping-Historie wie für die Audio-Aufzeichnungen. Nach Limps Auskunft sind die Daten dann auch für Amazon nicht mehr wiederherstellbar.

Über eine Nutzung der Aufzeichungs-Daten für Werbung – eine weitere Befürchtung vieler Nutzer –  will der Konzern indes nicht nachdenken. „Wir haben über 10.000 Mitarbeiter, die nur an Alexa arbeiten – und nicht einer von ihnen arbeitet an Werbung.“ Zwar würden Produkt-Anfragen und Käufe über den Echo bei Amazon-Empfehlungen benutzt, die Daten würden aber nie den Konzern verlassen. „Wir haben noch nie – und werden auch nie – diese Daten extern weitergeben. Wir nutzen sie intern, um Features anzubieten, die unseren Kunden helfen, Empfehlungen sind da nur ein Beispiel. Aber wir verkaufen diese Daten nicht.“

So bringt der Echo Amazon Geld ein

Amazon Echo für jeden erhältlich – lohnt er sich? 19.40Ganz unberechtigt ist die Frage nicht. Anders als die Konkurrenten sorgt der Verkauf der Geräte selbst nicht für volle Kassen. „Wir verdienen Geld, wenn die Kunden die Geräte benutzen. Wir verkaufen sie quasi zum Herstellungspreis“, so Limp. Erst unsere Nutzung des Gerätes bringt dem Konzern also Gewinne ein. Doch wie genau? Einerseits soll das durch den Musikdienst Amazon Music funktionieren, der laut Limp in Deutschland von Anfang an sehr erfolgreich war. Auch der Hörbuch-Handel über Audible soll sich lohnen.

„Und dann ist da natürlich Shopping.“  Trotz Berichten, dass kaum ein Kunde die Einkaufs-Funktion des Echos nutzt, will der Konzern zufrieden mit den darüber erfolgten Verkäufen sein. „Es ist wirklich ein guter Start“, widerspricht Limp den Berichten. Und gibt dann doch zu, dass Einkaufen über Sprache noch keine Selbstverständlichkeit ist: „Man kann noch nicht alles gut bestellen. Das ist eine Herausforderung, die Sprache mit sich bringt. Wir haben Hunderte über Hunderte über Hunderte Millionen Produkte. Musik ist einfach. Da gibt es 40 Millionen Lieder, weniger Künstler, noch weniger Alben. Bei Shopping hängt da viel mehr dran. Man muss Größe, Schnitt, Farbe, Marke und viele weitere Metadaten abgleichen. Aber ich bin da sehr positiv eingestellt. Das Shopping, das es bereits gibt, die Nachbestellungen, die Einkaufslisten laufen alle sehr gut.“ Und: Wegen des Echos würden sich viele Kunden mehr smarte Haushaltsgegenstände kaufen – auch bei Amazon.

Ob Amazon diese Zusatzeinnahmen auch in Zukunft ausreichen werden, wird sich zeigen. Den Echo-Verkäufen hat die Lausch-Debatte indes nicht geschadet. In der Vorweihnachtszeit wurden so viele Echos verkauft, dass einzelne Modelle erst ab März lieferbar sind. Im Vergleich zu anderen Ländern kauften die Deutschen besonders gerne den Echo Show der zweiten Generation. Die Besonderheit: Im Gegensatz zu den anderen Echos hat er nicht nur Lautsprecher und lauschende Mikrofone, sondern auch einen Bildschirm – und eine Kamera.Alexa – der Traum der Geheimdienste 21.06

Keynote-Rede: Facebook-Managerin Sandberg bei DLD-Konferenz in München

Die zuletzt in die Kritik geratene Facebook-Topmanagerin Sheryl Sandberg wird im Januar auf der Innovationskonferenz DLD in München auftreten.

Sandberg wird für eine Keynote-Rede erwartet, wie die Veranstalter am Dienstag mitteilten. Die diesjährige Konferenz vom 19. bis 21. Januar steht unter dem Motto «Optimism & Courage» (Optimismus und Mut).

Sandberg, die bei Facebook für das operative Geschäft zuständig ist, gilt als treibende Kraft hinter dem wirtschaftlichen Aufstieg von Facebook. Als vor einigen Wochen bekannt wurde, dass Facebook eine PR-Agentur engagierte, um Kritiker in ein schlechtes Licht zu rücken, wurde auch Sandberg direkt kritisiert, weil Politik in ihren Zuständigkeitsbereich fällt.

Am 22. Januar ist Sandberg auch beim Fachkongress Digitale Gesellschaft in Berlin dabei.

Wer hat sich das eigentlich ausgedacht? : "Mach mal den Neymar": Die verrücktesten Internetchallenges 2018

Das Internet ist Heimat vieler verrückter Ideen. Dazu gehören auch die vielen Internetchallenges, die im Netz immer reichlich Nachahmer finden. Wir zeigen die Top 5 der absurdesten Ideen – von Neymar bis „In my Feelings“.

Test per Lügendetektor: Unternehmen bietet 100.000 Dollar für ein Jahr ohne Smartphone

Smartphones sind allgegenwärtig. So gut wie jeder Mensch trägt einen dieser kleinen Computer in seiner Hosentasche mit sich herum, wir verbringen unheimlich viel Zeit mit ihnen und beinahe überall sieht man Leute auf den Dingern herumtippen. Deutsche Nutzer zwischen 16 und 34 Jahren verbringen laut einer Studie aus dem Jahr 2017 etwa 70 Minuten täglich an ihrem Handy. Wie ein Leben ohne Smartphone aussieht, das können sich viele gar nicht mehr vorstellen – und wollen es wahrscheinlich auch nicht ausprobieren.

Auch nicht für 100.000 Dollar? So viel Geld bietet nämlich die Firma Vitaminwater einer Person, die ein ganzes Jahr lang auf ihr Smartphone verzichtet. Auf seiner Website ruft der Getränkehersteller zu Bewerbungen auf. 

Um mitmachen zu können, muss man auf Twitter oder Instagram einen Post teilen, in dem man erklärt, womit man lieber seine Zeit verbringen würde als mit Bildschirmscrollen. Noch zwei Hashtags dazu, dann ist man in der Verlosung. 

365 Tage ohne Smartphone – mit Lügendetektor-Test

Die Bedingungen für den großen Preis: Man darf 365 Tage lang sein Smartphone oder Tablet nicht benutzen . Damit sind Handys gemeint, die einen Internetzugang haben. Ein altmodisches Tastenhandy für Anrufe ist also in Ordnung, ebenso wie Laptops oder Desktop-Computer. Berufliche Zwecke sind allerdings keine Ausnahme. Zuvor soll man das Smartphone täglich benutzt haben.

Bis zum 8. Januar läuft der Bewerbungsprozess noch, danach sucht das Unternehmen, das zu Coca-Cola gehört, einen Gewinner aus, der sich an dem „Scroll free“-Jahr versuchen darf. Zugelassen sind allerdings nur Menschen, die zur Zeit in den USA leben. Um sicherzustellen, dass der Kandidat tatsächlich alle Anforderungen eingehalten und das ganze Jahr lang auf Smartphones verzichtet hat, muss sich der Teilnehmer am Ende des Jahres einem Lügendetektor-Test unterziehen. Erst wenn er diesen besteht, bekommt er auch das Preisgeld von 100.000 Dollar. Sollte er nicht ganz so lang durchhalten, geht er auch nicht leer aus. Laut Regularien bekommt ein Teilnehmer, der das Experiment nach einem halben Jahr abbricht, immerhin noch 10.000 Dollar.

Quelle: Vitaminwater, BDVW Marktforschung

Ärzte warnen: Das Smartphone macht unsere Augen kaputt 13.10

Tech-Branche: Sex-Skandale, Killerdrohnen, Datenlecks: Wie das Silicon Valley 2018 seine Unschuld verlor

Es hatte ein bisschen etwas von Woodstock in der Hippie-Zeit: Jahrzehntelang strömten talentierte Menschen in die Bucht von San Francisco, um an der digitalen Revolution zu arbeiten – mit frischen Ideen, einem unbändigen Willen zum Unkonventionellen und Kapuzenpulli statt Krawatte. Doch die Fassade vom einstigen liberalen Wunderland hat dieses Jahr gewaltig gelitten. Das einst so unschuldig wirkende Silicon Valley wurde 2018 von einem moralischen Erdbeben nach dem anderen erschüttert – von Sex-Skandalen über Datenlecks bis zu fragwürdigen Rüstungsprojekten.

Schon zum Jahreswechsel wurde dem männerdominierten Valley ein hässliches Bild im Spiegel vorgehalten: Nachdem die #metoo-Bewegung und ihre Enthüllungen Hollywoods Machtelite zum Wanken gebracht hatte, trauten sich auch zahlreiche Frauen aus der Tech-Branche über ihre Erfahrungen zu berichten. Und auch dort sah es wenig rosig aus. Von ständigen, unerwünschten Baggereien, über frauenfeindliche Einstellungen bis in die Chefetagen, bis zu ernsthaften Missbrauchsvorwürfen kamen Dutzende kleinere und große Skandale ans Tageslicht und ließen die testosterongetränkte Luft des Valley deutlich dünner werden. Als dann noch bekannt wurde, dass Agenturen Tech-Parties mit heißen Frauen versorgten und ein Buch enthüllte, dass einige der ganz Großen der Branche regelmäßig wahre Sex-Orgien feierten, war klar: Den Sexismus hatte die digitale Revolution nicht überwunden.Google Proteste Maven 6.04

Geld oder Moral?

Doch auch um andere Grundsätze ist es immer schlechter bestellt. Während in anderen Branchen die Arbeit mit dem Militär und Diktaturen zum schmutzigen Alltag gehört, mieden viele der größten Tech-Firmen solche Geschäfte lange erfolgreich. Doch dieses Jahr entschieden sich immer mehr Unternehmen, das Militär-Geld anzunehmen. Selbst Google – einst für den Slogan „Don’t be evil“ („tue nichts Böses“) bekannt – schockte dieses Jahr gleich mit mehreren fragwürdigen Projekten. Unter dem Namen „Project Maven“ unterstützte man etwa das US-Militär mit Künstlicher Intelligenz bei der automatischen Objekterkennung von Drohnen – und damit möglicherweise indirekt auch beim Töten von Menschen. Auch das „Project Dragonfly“ sorgt für mächtig Ärger: Nachdem Google sich jahrelang vom chinesischen Markt zurückgezogen hatte, bastelt der Konzern nun eine eigene Suchmaschine für die Volksrepublik, inklusive automatischer Zensur gegen die lästigen Dissidenten.

Bei den Mitarbeitern sorgt das für Furore. In offenen Briefen und Protestmärschen machen sie ihrem Ärger Luft. Auch über den Umgang mit der Kritik wird geklagt. „In den letzten Monaten bin ich immer enttäuschter gewesen, wie die Firma reagiert und wie mit den Sorgen der Menschen umgegangen wird“, erklärte einer der gegen Maven potestierenden Mitarbeiter gegenüber „Gizmodo“. In einem offenen Brief beklagten Google-Mitarbeiter vor kurzem ein regelrechtes Kippen des Konzerns. Lange hätten sie geglaubt, dass Google seine Werte über den Profit stellte, „wir glauben nicht mehr, dass das der Fall ist“. Der Konzern zeigte am Ende Einsicht: Project Maven wurde nicht verlängert, eine Bewerbung für einen weiteren Rüstungsauftrag eingestellt.Microsoft überholt Apple 21.09

Volle Unterstützung für das Militär

Microsoft dagegen setzt voll auf das Militär als Kunden. Gerade wurde bekannt, dass der Konzern einen 480-Millionen-Auftrag des Pentagons gewonnen hatte, um die Truppen mit der Mixed-Reality-Brille Hololens auszustatten. Diese ist zwar für den zivilen Einsatz entwickelt worden. Beim Pentagon ist der Auftrag aber Teil des JEDI-Programms – und das soll laut dem US-Militär-Sprecher „die Tödlichkeit unserer Abteilung erhöhen“.

Bei Microsofts Angestellten sorgt das für Bauchschmerzen. In einem offenen Brief bei  „Medium“ forderten sie im Oktober, dass der Konzern seine Bewerbung um einen gigantischen Militärauftrag zurückzieht. „Wie sollen wir Mitarbeiter, die diese Dienste entwickeln und pflegen, wissen, ob unsere Arbeit bei der Erstellung von Personen-Profilen, bei der Überwachung oder beim Töten benutzt wird?“, fragen die Mitarbeiter darin. Sie fordern klare, moralische Richtlinien und entsprechende Grenzen, wofür die Technik des Konzerns verkauft werden darf. Die Verfasser des Briefes dürften aktuell ziemlich enttäuscht sein. In einer Rede machte Microsoft-Präsident Brad Smith am Wochenende klar, dass der Konzern das Militär auch weiter „mit der besten Technologie versorgen wird, die wir entwickeln. Und zwar aller Technologie, ohne Einschränkung.“ Wer damit nicht einverstanden sei, könne sich ja versetzen lassen, erklärte der Konzern schon im Oktober in einem Blogpost. „Wir unterstützen flexibles Arbeiten“, heißt es dort trocken in Bezug auf Mitarbeiter mit moralischen Bedenken.Amazon Doku 18.30

Geschäfte im Skandal

 Amazons Angestellte haderten im Sommer ebenfalls mit einem moralisch schwierigen Projekt. Der Konzern suchte Gespräche mit dem US-Grenzschutz ICE um seine Gesichtserkennungs-Software zu verkaufen, auch hier gegen Proteste seiner Angestellten. Die Behörde macht seit Monaten Schlagzeilen, weil sie im Auftrag der Trump-Regierung illegale Einwanderer von ihren Kindern trennt. Zuvor hatte Amazon die Software schon an Polizei-Einheiten in Oregon und Florida ausgeliefert.

Für die größte Erschütterung sorgte indes Facebook – zumindest in den USA. Mit dem Skandal um den US-Wahlkampf 2016 und die Rolle des von Steve Bannon mitgegründeten Schnüffel-Unternehmen Camebridge Analytica ist der Konzern in seiner Heimat in eine gigantische Vertrauenskrise geschlittert. Dabei müssen sich Mark Zuckerberg und sein Team jede Menge unangenehme Fragen gefallen lassen, welche Daten der Konzern eigentlich erhebt und wie genau sie genutzt werden. Unter anderem wurde bekannt, dass Dutzende Unternehmen die Daten von Millionen Nutzern direkt abrufen konnten, in internen Mails wurde gar über den direkten Verkauf der Daten nachgedacht. Bisher nutzt Facebook sie nach eigenen Angaben nur für Werbung.Zuckerberg Interview_13.10Uhr

Das Ende der Unschuld

Als Hort des Datenschutzes galt Facebook zwar noch nie, das Ausmaß des Skandals ist aber ein neues. Zuckerberg musste vor dem US-Kongress und dem EU-Parlament aussagen, der langjährige Sicherheits-Chef Alex Stamos legte gar sein Amt nieder. Das Facebook Motto „Move fast and break things“ (etwa: Handle schnell und fürchte dich nicht, etwas kaputt zu machen) klang nicht mehr nach mutigen Kreativen, sondern nach rücksichtslosen Geschäftemachern.

In den Nachbeben werden nun auch andere Tech-Größen wie Google-Chef Sundar Pichai vor den Kongress zitiert und muss sich für vermeintliche Benachteiligungen republikanischer Kandidaten bei Google-Suchen rechtfertigen. Auch Apple-Chef Tim Cook mischte sich in die Daten-Debatte ein – und forderte reichlich untypisch eine Regulierung der Tech-Konzerne bei der Datenverarbeitung.

Ob die Konzerne aber tatsächlich Konsequenzen fürchten müssen, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Von Seiten der Kunden und der Wirtschaft scheint zumindest aktuell keine Gefahr zu drohen. Die Nutzungs- und Verkaufszahlen sind weiter hoch. Schwankungen an der Börse lassen sich bisher mit wirtschaftlichen und nicht mit moralischen Entscheidungen erklären. Die unschuldige Naivität des Silicon Valley aber, sie scheint verflogen.

Quellen: LA Times, New York Times, Medium, Techcrunch, Microsoft, Daily Beast, Gizmodo